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Direktadressierung

Grundsätzlich adressieren alle audiovisuellen Ausdrucksmittel eines Spielfilms den Zuschauer; Direktadressierung meint aber solche Momente, in denen ihm dieser Umstand bewusst gemacht wird, ein Film ihn also direkt „anzusprechen“ scheint. Metz unterscheidet drei Formen, nämlich die Adressierung mittels (1) Schrifteinblendungen, (2) Off-Erzählerstimmen und (3) direkt in die Kamera blickenden / sprechenden Figuren. Zwar weisen alle drei Formen offen auf die Inszeniertheit eines Films hin, jedoch sind die beiden ersteren im Spielfilm aller Genres weit verbreitet und werden in der Regel nicht als Bruch empfunden. Hingegen wird die dritte Form zumindest im klassischen Erzählkino oft als „Tabu“ bezeichnet. Der Einwand, hier werde ein drastischer „Illusionsbruch“ erzeugt, ist jedoch mit Vorsicht zu behandeln, postuliert er doch einen Zuschauer, der der Transparenzillusion vollständig erliegt und die Inszeniertheit eines Films während der Rezeption gleichsam „vergisst“. Ob dieses Mittel als störend empfunden wird, hängt auch vom kontextuellen und generischen Rahmen ab. In Musicals und Komödien konnte sich die Publikumsansprache als Konvention etablieren, in Action- und Abenteuerfilmen offensichtlich nicht: Wo das vornehmliche Ziel Spannungserzeugung ist, passen Hinweise auf die Inszeniertheit (den „Unernst“) der Handlung nicht ins dramaturgische Inventar. Werden sie doch gegeben, kippt der Film unweigerlich ins Parodistische.
Auch die Häufigkeit der Verwendung spielt eine Rolle: Während ein einmaliger oder gelegentlicher Einsatz kurzfristig stark irritieren kann, dürfte der Zuschauer das Mittel gerade bei exzessivem Gebrauch (wie z.B. in Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain, dt.: Die fabelhafte Welt der Amelie, 2001, Jean-Pierre Jeunet, wo die Protagonistin den Zuschauer fortwährend wie einen Vertrauten und Eingeweihten anspricht) recht schnell als Gesetzmäßigkeit der fiktiven Welt bzw. als Spielregel der Inszenierung akzeptieren. 
Historisch tritt die Direktadressierung im frühen Kino relativ häufig auf, vor allem in den sogenannten „Grimace films“, aber auch in den Messter-Tonbildern. Mit der Etablierung des klassischen Hollywood-Erzählkinos um 1917 wird die Direktadressierung zum „Fehler“ degradiert, weil es den Zuschauer auf die unsichtbare vierte Wand aufmerksam machte. Im Hollywodkino ist die Direktadressierung nur noch als Moment der Komödie und als Stilmittel des Musicals möglich. 

Literatur: Metz, Christian: Die unpersönliche Enunziation oder der Ort des Films. Münster: Nodus 1997. – Casetti, Francesco: Inside the Gaze. The Fiction Film and Its Spectator. Bloomington: Indiana University Press 1998; insb. Kap. 2: The Figure of the Spectator, S. 16ff.
 

Referenzen