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Distanz: psychische Distanz

In einem einfluss- und folgenreichen Artikel schreibt der Cambridge-Proessor Edward Bullough 1912, dass wir in der ästhetisch distanzierten Wahrnehmung die praktischen Seiten der Dinge und unsere praktischen Einstellungen zu ihnen abtrennten. Er versucht am Beispiel des Nebels zu klären, worum es ihm geht: Gefühle der Angst oder gar des Entsetzens, die sich einstellen mögen, wenn der Nebel zu einem subjektiv bedrohlichen Bild der See wird, sind mit ästhetischer Erfahrung inkompatibel. Dazu bedarf es einer anderen Einstellung, man muss sich außerhalb der Sphäre der individuellen Bedürfnisse und Betroffenheiten stellen. Die Frage der Distanz ist im Film vor allem zum Horror diskutiert worden. Derartige Distanz spielt in allen Künsten eine Rolle, sie grenzt das Schöne (resp. das Erlebnis des Schönen) vom Vertretbaren, vom moralisch Zulässigen ab. Wäre sie stabil einzuhalten würde sich alle Zensur erübrigen. Es gibt zwei Wege, die angemessene psychische Distanz zu verlieren – als over-distance und als under-distance. „Überdistanz“ manifestiert sich in hochgradig formalisierten Formen vor allem moderner Kunst, die normalem Publikum nicht mehr zugänglich ist. „Unterdistanz“ stellt sich häufiger ein, wenn der Rezipient sich und seine persönlichen Bedürfnisse nicht mehr ausreichend vom Kunstwerk zu trennen vermag und es deshalb nicht als ästhetisches Objekt aneignen kann. Am schwersten fällt es, Distanz zu den dramatischen Formen (und zum Film, möchte man heute ergänzen) herzustellen. Darum aktivieren sie die Formen höchsten Involvements, des höchsten Aufwands, Distanz herzustellen und aufrecht zu erhalten und darum auch höchster Intensität des Kunstgenusses. 

Literatur: Bullough, Edward: „Psychical Distance“ as a factor in art an as an aesthetic principle. In: British Journal of Psychology 55,2, 1912, S. 87-118. Repr. in: Critical Theory Since Plato. Ed, by Hazard Adams. New York: Harcourt 1971, S. 755-766. Repr. in: Aesthetics: A critical anthology. Ed. by George Dickie, Richard Sclafani and Ronald Roblin. 2nd. ed. New York: St. Martin‘s Press 1989, S. 320-333. Unter dem Titel „Psychical distance“ repr. in: The philosophy of art: readings ancient and modern. Ed. by A. Neill and A. Ridley. New York: McGraw-Hill, S. 297-311.