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Entgrenzungsfilm

Unter dem in der Kritik verwendeten Begriff Entgrenzungsfilme werden europäische Filme der Jahrtausendwende aus Deutschland, Großbritannien und Frankreich zusammengefasst, deren jugendliche Protagonisten ein Leben im Ausnahmezustand zelebrieren. Die Filme thematisieren und evozieren einen emphatischen Gegenwartsbezug und erzeugen eine Unmittelbarkeit, die durch den Einsatz von Pop‑ und Rock‑Musik hervorgerufen und verstärkt wird und die rezeptionsästhetisch ein eigenes Feld der Musikempathie eröffnet. Die Bassfrequenzen dringen dabei in die Zuschauer ein und lassen so eine jugendliche rauschhafte Auf‑ und Erregung spürbar werden. In der Gegenwart der Filmerfahrung werden von den Zuschauern unterschiedliche – fiktionale und selbst empfundene – Emotionen durchlebt, die Grenzen zwischen Vergangenem und Gegenwärtigem verschwimmen und ermöglichen so einen einzigartigen musikalisch‑kinematographischen Erfahrungs‑ und Wahrnehmungsmodus.
Als Beispiele werden oft genannt: Trainspotting (Großbritannien 1996, Danny Boyle), 24 Hour Party People (Großbritannien 2002, Michael Winterbottom), La Science des Rêves (Frankreich 2006, Michel Gondry) oder auch La Haine (Frankreich 1995, Mathieu Kassovitz). Zu den Vorläufern dieser so besonderen Inszenierung der Erfahrungswelten von Figuren rechnen A Hard Day's Night (Großbritannien 1964, Richard Lester), One Plus One (Frankreich 1968, Jean-Luc Godard), Performance (Großbritannien 1970, Donald Cammell, Nicolas Roeg) oder auch A Clockwork Orange (Großbritannien/USA 1971, Stanley Kubrick).

Literatur: Siewert, Senta: Entgrenzungsfilme – Jugend, Musik, Affekt, Gedächtnis: Eine pragmatische Poetik zeitgenössischer europäischer Filme. Marburg: Schüren 2013.