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Feinschnitt: Materialerkundung

Montage ist als weitgehend offenes Gestaltungsverfahren eine Arbeit, die den späteren Film durch Verfahrensweisen des Sichtens, Auswählens und Anordnens im Material erst aufspürt und ihm seine endgültige Gestalt im Roh- und Feinschnitt verleiht. Montage ist eine entdeckende, aufdeckende Arbeit zur Strukturierung des Films.
Feinschnitt bedeutet Materialinterpretation und -artikulation im Verlauf der Montage. Im bereits angeordneten Material sind Akzente zu setzen, Trennungen und Überbindungen einzuarbeiten. Das Material straffen, ballen, dehnen. Es rhythmisieren. Es phrasieren. Es flüssig oder stockend machen. Im Feinschnitt kümmert man sich um die Details der Mikrostruktur.
Was ein Film zu sagen, zu zeigen, zu erzählen hat, erkennt man nach dem Rohschnitt. Doch wie er das sagt, zeigt, erzählt, ob flüssig, widerborstig, verborgen, deutlich, mit Tempo oder gestaut, energiegeladen oder schwach, akzentuiert oder unauffällig, weich oder schroff und mit welcher Rhythmik und welchem Timing, das weiß man erst am Ende des Feinschnitts.
Feinschnitt beinhaltet die Präzisierung einer im Rohschnitt erarbeiteten Abfolge im unmittelbaren Umfeld von Schnittstellen. Schnittstellen sind immer Trennungs- und Verbindungsstellen zugleich. Trennung, weil Getrenntes aufeinander trifft. Verbindung, weil das Getrennte sich an der Schnittstelle berührt und benachbart ist. Der Feinschnitt interpretiert und artikuliert das Material, indem er an der jeweiligen Schnittstelle die Trennung akzentuiert oder indem er sie überspielt und Bindung und Nähe herausstreicht.
Schnittstellen können im Feinschnitt als markierte oder als maskierte Schnittstellen artikuliert werden. Markierte Schnittstellen akzentuieren die Einschnitte. Sie zeigen den Schnitt als Montiertes. Maskierte Schnittstellen verbergen den Schnitt. Sie gestalten die Schnittstelle als möglichst unsichtbar oder kaum sichtbar.
Die Prozesse des Roh- und Feinschnitts laufen nicht schematisch hintereinander geschaltet ab. Sie lassen sich nicht stur trennen. In der Arbeit durchdringen sie einander.

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