Metainformationen zur Seite
  •  

fremde Erzähltradition

Aus außereuropäischen und außer(nord)amerikanischen (literarischen) Mustern abgeleitete, von der westlichen Kultur unabhängige Sicht- und Erzählweise. Zwar finden sich gänzlich unbeeinflusste, indigene Produktionen kaum mehr, dennoch weichen zahlreiche afrikanische und asiatische Filme hinreichend von westlichen Erzählstandards ab, um als Gegenbeispiel zu dienen und die Allgemeingültigkeit und Hegemonie westlicher Kultur zu hinterfragen. Differenzen können auf allen Ebenen der filmischen Morphologie auftreten – in der Organisation der Räume und der Zeiten, im Umgang mit Kausalitäten und Motivationen, hinsichtlich der Figurenanlage und der Einheit von Psychologie, Motivation, Wertorientierung etc. der Figuren, der Konditionen der Text-Ganzheit und der Schließung von Geschichten. Besonders schwerzugänglich sind Filme, die in der diegetischen Ordnung anderen – etwa animistischen – Weltmodellen als den westlichen Mustern folgen (derartige Filme entstammen oft der kleinen Gruppe der ethnologischen Spielfilme, stammen aus Mittelasien oder aus der Region der Inuit, Samen und anderer Nordvölker (wie z.B. in Seitsemän Laulua Tundralta / dt.: Sieben Lieder aus der Tundra, Finnland 1999, Anastasia Lapsui, Markku Lehmuskallio, vom Leben der Nenzen – früher: Samojeden – im nördlichen Sibirien in den kultureigenen Tradition der Dargestellten erzählt, dabei an keiner Stelle das Weltmodell der Nenzen erklärend), aus Afrika, u.U. aus Australien oder Melanesien.
Verbreiteter sind abweichende Erzählmuster, die innerhalb westlicher Kulturzusammenhänge entstehen und stets im Bewusstsein der hiesigen herkömmlichen Muster bleiben, z.B. bezüglich der Raum-Zeitorganisation, der Kohärenz und der Kausalität. Derartige Abweichungen werden oft genug als Kritik an diesen Mustern gemeint und verstanden.

Beispiele: Akaler Sandhane (Indien 1980, Mrinal Sen); Stupen / dt.: Die Stufe (UdSSR 1986, Alexander Rekviaschwili); Nachid El-Hajar / dt.: Das Lied der Steine (Palästina/Beldien 1990, Michel Khleifi).