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Gewaltdarstellung: Wirkungsforschung

In der wissenschaftlichen Diskussion des Phänomens ist eine deutliche Diskrepanz zwischen der soziologisch orientierten Wirkungsforschung einerseits und geistes- resp. filmwissenschaftlichen Ansätzen andrerseits festzustellen. In den Sozialwissenschaften wird Gewalt in den audiovisuellen Medien – d.h. in Film und Fernsehen – mit quantitativen Methoden untersucht und in der Regel negativ bewertet, ohne freilich starke kausale Effekte nachweisen zu können. Die Wirkbeziehung wird in einer ganzen Reihe unterschiedlicher Modelle zu fassen versucht, die aber bis heute meist unverbunden nebeneinander stehen, ohne dass klar wäre, welche empirischen Befunde für die eine oder die andere These sprechen würden:

– Die Abstumpfungsthese oder Habitualisierungsannahme formuliert geht von einem schlichten Gewöhnungseffekt aus, der allerdings dann fatale reale Konsequenzen hat, wenn das Maß und die Art der dargestellten Gewalt in die Realitätsannahmen von Zuschauern einwirken, dass dadurch z.B. die Gewaltbereitschaft steigt; allerdings deuten manche Befunde (der sogenannten „Kultivierungshypothese“ auf einen eher paradoxen Effekt hin - Gewaltdarstellung erhöht die Angst vor Gewalt, nicht die Gewaltbereitschaft.
– Die Imitationsthese geht davon aus, dass an Medienbotschaften Lernprozesse ansetzen, die das dargestellte Verhalten als Vorbild-Verhalten ansehen, dass also Gewalt-Szenarien als soziale Rollenmodelle von Lernenden bewusst kopiert und nachgeahmt werden – soziale Verrohungstendenzen liegen dann auf der Hand.
– Diesem „repressiven“, mit Zensur liebäugelnden Diskurs steht in der Filmwissenschaft primär ein qualitativ-phänomenologischer oder ideologiekritischer Ansatz gegenüber, der mediale Gewalt meist mit der auf Aristoteles‘ Poetik zurückgehenden Katharsis-These erklärt, die wiederum von der Medienwirkungsforschung meist abgelehnt wird.

Eine wirklich integrative, das Phänomen in all seinen Facetten und Funktionen würdigende Untersuchung steht derzeit noch aus, müsste sich aber nicht zuletzt auch mit dem Gewaltbegriff als solchen (neben körperlicher Gewalt auch die Formen der strukturellen Gewalt, der Gewalt in sozialen Beziehungen etc.) auseinandersetzen.

Literatur: Bonfadelli, Heinz: Medienwirkungsforschung. Konstanz: UVK 2004. – Friedrichsen, Mike / Vowe, Gerhard (Hg.) (1995): Gewaltdarstellungen in den Medien. Theorien, Fakten und Analysen. Opladen: Westdeutscher Vlg. 1995. – Kunczik, Michael / Zipfel, Astrid: Gewalt und Medien. Ein Studienhandbuch. Köln: Böhlau, 2006.