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Iconic turn / Visualistic turn

In Analogie zum einflussreichen linguistic turn wird seit den 1990er Jahren verstärkt auch im Bildbereich von einer Wende gesprochen, die unterschiedliche Bezeichnungen erhalten hat. Es ist insbesondere die Rede vom „imagic turn“ (Fellmann), vom „pictorial turn“ (Mitchell), vom „iconic turn“ (Boehm) und vom „visualistic turn“ (Sachs-Hombach). Der Ausdruck „turn“ in linguistic turn hatte eine grundlegende Umorientierung in der Philosophie bezeichnet, mit der die Sprachanalyse das Erbe der Bewusstseinsphilosophie antrat. Der von Gustav Bergmann geprägte und von Richard Rorty bekannt gewordene linguistic turn bezeichnet also einen grundlegenden Wandel methodischer Art, dem zufolge auf jeden Fall die philosophischen Probleme nur noch im Kontext sprachanalytischer Verfahren zu lösen seien.
Mit der nach dem Vorbild des linguistic turn im Bildbereich propagierten Wende soll die Bildanalyse eine ähnlich fundamentale Rolle für die wissenschaftliche Rationalität erhalten, wie sie die Sprachanalyse faktisch besitzt. Dieser Anspruch wird mit dem Argument kritisiert, dass es sich gar nicht um eine methodische Wende handele, es also weiterhin keine Alternative zur Sprachanalyse gebe, sondern lediglich nur um eine verstärkte Hinwendung zum Thema Bild als einem wichtigen wissenschaftlichen Gegenstand. Mitchell weist vielfach darauf hin, dass es nicht nur um die Beschreibung von Bildern (bzw. ikonischem Material im weitesten Sinne) geht, sondern auch um die Modellierung von Beobachtungs- und Selbstbeobachtungsszenarien (Dispositiven des Sehens und Gesehenwerden, im Sinne Foucaults), die einerseits medienspezifisch, andererseits aber auch medienübergreifend kulturspezifisch organisiert sind.
Der visualistic turn muss nicht als Alternative zum linguistic turn, sondern kann auch als seine Ergänzung verstanden werden. Seine Bedeutsamkeit ergibt sich dann durch die These, dass die sprachlich vermittelten Formen des menschlichen Selbst- und Weltbezugs immer schon nicht-sprachliche Zeichenverhältnisse voraussetzen. Historisch betrachtet hat es sich dann beim linguistic turn um einen media turn gehandelt, der nur eingeschränkt realisiert worden ist. Der visualistic turn wäre dann ein Unternehmen, mit dem das unvollendete Projekt des media turn im Rahmen einer allgemeinen Bildwissenschaft um die Untersuchung der sensuellen Formen der Welterschließung (oder zumindest um eine dieser Formen) vervollständigt werden soll.

Literatur: Boehm, Gottfried: Die Wiederkehr der Bilder. In: Was ist ein Bild? Hrsg. v. Gottfried Boehm. 2. Aufl. München: Fink 1995, S. 11-38. – Fellmann, Ferdinand: Symbolischer Pragmatismus. Hermeneutik nach Dilthey. Reinbek: Rowohlt 1991. – Lüdeking, Karlheinz (2004): Was unterscheidet den pictorial turn vom linguistic turn?, in: Sachs-Hombach (Hg.): Bildwissenschaft zwischen Reflexion und Anwendung. Hrsg. v. Klaus Sachs-Hombach. Köln: Herbert von Halem Verlag. – Mitchell, W.J. Thomas: The Pictorial Turn. In: Art Forum, March 1992, S. 89-95. Zahlr. Neudrucke. – Mitchell, W.J.T.: Picture theory. Essays on verbal and visual representation. Chicago, Ill./London: University of Chicago Press 1994. – Rorty, Richard: The Linguistic Turn. Recent Essays in Philosophical Method, Chicago [...]: University of Chicago Press 1967. – Sachs-Hombach, Klaus: Das Bild als kommunikatives Medium. Elemente einer allgemeinen Bildwissenschaft. Köln: Herbert von Halem Verlag 1993.