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impliziter Leser

(1) Rezeptionstheoretisches Modell, das Wolfgang Iser (Der Akt des Lesens) 1976 entwickelt hat: Strikt parallel zum impliziten Autor wird der implizite Leser als theoretisches Konstrukt gesetzt. Er ist als kategoriale Rolle angelegt und nicht mit dem realen Leser, aber auch nicht mit der im Text angelegten Leserperspektive zu verwechseln. Vielmehr gehört er mit dem impliziten Autor zur kommunikativen Grundverfasstheit jedes Werks. Iser beschreibt den impliziten Leser als transzendentales Modell, durch das sich allgemeine Wirkungsstrukturen fiktionaler Texte beschreiben ließen.
(2) In einer eher pragmatischen Auffassung meint impliziter Leser zum einen ein vom Autor vorgestelltes Gegenüber und dessen Erwartungshorizont bei der Textproduktion und im Text (Buch, Film, Bild) vorgegebene Bedeutungspotentiale, die der Leser seiner Situation (Vorwissen, Vorlieben, Stimmung, ...) entsprechend aktualisiert. Grundlage dafür bildet die Überlegung, dass ein Text vom Rezipienten aktiv verarbeitet wird, der Leser produziert „seinen“ Text. Diese aktive Rolle wird bei der Textproduktion schon mitgedacht, der Text wird adressiert, verschiedenen Lesarten sind im Text verankert, ohne dass alle vom Autor bedacht sein müssen.