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Investigativer Dokumentarfilm

Variante des Dokumentarfilms, dessen Ziel in erster Linie darin besteht, einen wenig bekannten Sachverhalt aus neuer Perspektive zu beleuchten oder überhaupt erst ans Tageslicht zu bringen. Anders als der humanitäre Dokumentarfilm, der auf das grundsätzlich Gute im Menschen verweist, und im Unterschied zur Langzeitstudie, die langsame, mehrere Generationen übergreifende Veränderungen und Verschiebungsprozesse beobachtet, hat der investigative Dokumentarfilm einen anklagenden Ton: Er fokussiert einzelne Ereignisse meist aus der Zeitgeschichte und will über sie und ihre Hintergründe aufklären – womit er (im Fall von politisch brisanten Themen) oft auch gleichzeitig die Verschleierungspolitik der Behörden anklagt und damit Gesellschafts- oder gar Systemkritik übt. Insofern stehen sein Zugang und seine Methoden in beabsichtigter Nähe zum Journalismus, und wie dort steht seriöse Aufklärung neben sensationsheischender Enthüllung. Als Beispiele seien genannt: Der Kunde ist König (Schweiz 1991, Josy Meier) über die Freier des Zürcher Drogenstrichs; Beruf Neonazi (BRD 1993, Winfried Bonengel) über die deutsche Neonaziszene; Roger and Me (USA 1989, Michael Moore) über die Firmenhierarchien bei General Motors; Yuki yukite shingun (Vorwärts, Armee Gottes!, Japan 1983, Kazuo Hara) über Folterungen und Kannibalismus in japanischen Kriegsgefangenenlagern.
Der investigative Dokumentarfilm entstammt dem investigativen Journalismus (manchmal auch: Enthüllungsjournalismus) und ist diesem bis heute nahe verwandt. Sein Anliegen ist es, öffentlich relevante Skandale aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft aufzudecken, unter Umständen auch, solche Skandale zu provozieren (wie in den Aktionen, die Günter Wallraff durchgeführt hat). Beispiele aus der deutschen journalistischen Praxis sind die Spiegel-Affäre, die Affäre um die Neue Heimat (Spiegel) oder die Schwarzgeldaffäre der CDU (Süddeutsche Zeitung). Bezeichnend für den investigativen Journalismus sind eine gründliche und möglichst gut abgesicherte Recherche und das Geheimhalten der bislang vertuschten Sachverhalte vor den Betroffenen bis zur Veröffentlichung. Ein berühmtes Beispiel ist die Watergate-Affäre, die von zwei Journalisten der „Washington Post“ ausgelöst wurde (verfilmt als All the President‘s Men, 1976, Alan J. Pakula).

Literatur: Boventer, Hermann: Muckrackers. Investigativer Journalismus zwischen Anspruch und Wirklichkeit. In: Öffentlichkeit und Kommunikationskultur. Hrsg. v. Wolfgang Wunden. Hamburg-Stuttgart: Steinkopf 1994, S. 215-230. – Müller, Michael: Investigativer Journalismus: seine Begründung und Begrenzung aus der Sicht der christlichen Ethik. Münster: Lit 1998 (Studien der Moraltheologie. 6.). – Nagel, Lars-Marten: Bedingt ermittlungsbereit. Investigativer Journalismus in Deutschland und in den USA. Berlin: Lit 2007.