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Irrfahrt

Motiv und Erzählmuster zugleich. Flucht und Verfolgung, alptraumhafte Verstrickungen oder Identitätsprobleme – es sind ganz unterschiedliche Gründe, die die Figuren zu einer Art der Reise antreiben, die keinen vorgeplanten Verlauf, oft nicht einmal ein Ziel hat. Manchmal nehmen sie die Gestalt einer Dystopie oder gar Endzeitvision an, wenn sie von der Entwurzelung handeln oder von der Unmöglichkeit erzählen, eine Heimat zu finden, zur Ruhe zu kommen, in Frieden leben zu können. Dagegen ist eine Odyssee in einem engeren (und metaphorischen) Sinn eine Reise, die auf ein Ziel ausgerichtet ist und die Heimkehr vorsieht (obschon dies den Reisenden nicht immer bewusst sein muss) – hier sind es Widrigkeiten und starke Gegner, die insbesondere die Rückfahrt als eine Fahrt ohne inneren Plan erschienen lassen. Das Motiv eignet sich zum einen für Charakterstudien von Figuren, die an geographische und seelische Randregionen geführt werden; zum anderen aber auch für Allegorien und Parabeln, die anhand der Irrfahrt einer Einzelfigur über die prekäre Orientierungslosigkeit, ein fundamentales Suchen einer Gesellschaft oder einer Epoche nachdenken.
Die Beispiele sind äußerst heterogen. In O Thiasos (Griechenland 1975, Theo Angelopoulos) zieht eine Truppe von Wanderschauspielern zwischen 1939 und 1952 mit dem Volksstück „Golfo, die Schäferin“ durch ein sonnenloses winterliches Griechenland. La Tregua (Italien [...] 1997, Francesco Rosi) beschreibt die Odyssee einer Gruppe von Menschen, welche den Nazis lebend entronnen sind. Drei Strafgefangene brechen aus einem Straflager aus und machen sich auf die Suche nach einem Schatz – dem Muster der antiken Odyssee folgend (O Brother Where Art Thou?, USA 2000, Joel Coen). Eine Mutter beginnt, den verschwundenen Sohn zu suchen – fast beliebig erscheinenden Hinweisen folgend (Hicbiryerde, dt.: Nirgendwo, Türkei 2002, Tayfun Pirselimoglu). Irrfahrer berühren schließlich oft verschiedene Milieus, wie in Breakfast at Pluto (Großbritannien 2005, Neil Jordan), in dem ein junger Transvestit in den 1970ern auf der Suche nach seiner Mutter aus seinem kleinen irischen Heimatort in die Metropole London fährt und sich dort mit Liebeswirren ebenso wie mit Verstrickungen in den Nordirland-Konflikt und IRA-Terror herumschlagen muss.