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Kino der Attraktion vs. Kino der Narration

Anlässlich der bahnbrechenden FIAF-Tagung zum frühen Kino in Brighton (1978) hatte der amerikanische Filmhistoriker Tom Gunning zum ersten Mal seine Ideen zum frühen Film formuliert, welche einige Jahre später in sein Konzept des „Cinema of Attractions“ mündete. Anstatt das frühe Kino (bis ca. 1908) als eine „primitive“ Form des klassischen narrativen Kinos zu betrachten, schlug Gunning vor, den Film in seinen Entstehungsjahren als ein Kino zu betrachten, das vor allem auf Attraktionen, d.h. Schauwerte, und weniger auf Narration, d.h. das Erzählen von Geschichten, ausgerichtet war. Die Filme im Nummernprogramm des Variétés oder im Kintopp waren zu kurz, als dass sie viel erzählen konnten, und wurden zudem vom Schausteller zusammengestellt – Kino und Programm waren gemeinsam als Attraktion für das Publikum konzipiert. Erst nach 1906 etablierten sich eine längere, mehrere Einstellungen umfassende Film-Form, die auch Geschichten zu erzählen trachtete. Die Spannung zwischen Attraktion und Narration zieht sich durch die ganze Geschichte des Films, auch wenn das Narrative im klassischen Kino die Überhand gewann. Vor allem Monumentalfilme, peplum-Filme, historische Filme, etc. sind aber auch in der Studio-Phase durch starke Momente der Attraktion gekennzeichnet, in denen die Erzählung dann fast zum Stillstand kommt. Gegen die Thesen von Gunning haben sich sowohl Charles Musser als auch Janet Steiger gestellt, die die Entwicklung der Narration als zentrales Prinzip des frühen (amerikanischen) Kinos betrachten. 

Literatur: Gunning, Tom: The Cinema of Attractions: Early Film, Its Spectator and the Avantgarde. In: Wide Angle 8,3-4, 1986, S. 63-70.
 

Referenzen