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Kinozug

russ.: kino-poezd

(1) In einem bestimmten Moment gingen der Zug und das Kino in der revolutionären Sowjetunion eine Symbiose ein und verschmolzen im Kino-Zug auch technisch. Die ambulante Kinovorführung ist eines der faszinierendsten Kapitel der sowjetischen Filmgeschichte: als Wanderkino, mit speziellen Kinoautos, Agitdampfern oder Agitzügen und Anfang der 1930er Jahre als eigener Kinozug. Die Agitationszüge, eine spezifisch sowjetische Erfindung des Bürgerkriegs, waren in die erst kürzlich befreiten Gebiete gefahren. Es gab Regierungs-, aber auch Theater- und Literaturwaggons und schließlich den Kinowaggon, in dem Dziga Vertov Filmchroniken und Spielfilme projizierte.
(2) Unter gänzlich anderen historischen Bedingungen begann Alexander Medwedkin 1932 sein Projekt eines Kinozugs. Er hatte die Idee, einen Zug als mobiles Filmstudio auszubauen, um damit zu den Brennpunkten der Großindustrie in der Ukraine zu fahren. Seine Filme sollten mithelfen, den Rückstand der industriellen Produktion des 1. Fünfjahresplans aufzuholen, Fehler und Sabotage in der Produktion darzustellen und dann zu beheben. Die Filme, die Medwedkin und Nikolaj Karmazinskij mit ihren 30 Mitarbeitern zwischen 1932 und 1935 drehten, zeigten die Realität des Landes vollkommen ungeschminkt und direkt. In Wie geht es dir, Genosse Bergarbeiter? (Jak zives, Tovarisu Girnik?) z.B. wird die elende Lebenssituation der Arbeiter in einer ukrainischen Bergbaustadt zum Thema. Lakonische Zwischentitel kommentieren die Misere. Die aus der Tagesauseinandersetzung mit der Lage vor Ort entstehenden Filme des Kino-Zugs wurden jedoch nie öffentlich gezeigt, zu ihrer Zeit totgeschwiegen und galten dann lange als verschollen. Der Kino-Zug, der Schneideraum, Kopieranstalt und Kino in einem war, strebte Visualisierung in Echtzeit an und bildete eine genuin bolschewistische Form der Massenkommunikation als direktes Interventionsmedium. Er überstieg den bürgerlichen Kinorahmen, indem er die Bildproduktion gleichsam als Feedback-Mechanismus in den sozialistischen Aufbau wiedereinspeiste. 

Literatur: Medwedkins Kinozug (Le Train en marche, Frankreich 1971, Chris Marker; 32 min).