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Konstruktivismus

Sowjetische Kunstbewegung innerhalb der Avantgarde der 1910er und 1920er, die kurz vor der russischen Revolution einsetzte und das Kunstschaffen – Skulptur und Architektur (Vladimir Tatlin), Musik und Malerei (Kasimir Malewitsch, El Lissitzky), Film und Theater (Vsevolod Meyerhold), Photographie (Aleksandr Rodtschenko) – der 1920er Jahre prägte. Nachdem die Konstruktivisten noch 1918 führende Positionen in der Kunstabteilung des Kommissariats für Volksbildung einnahmen, wurden sie massiver Kritik ausgesetzt, bis – nach Lenins Tod – das Diktat des „sozialistischen Realismus“ konstruktivistische Positionen untergrub und untersagte. Die Ideen des Konstruktivismus fanden in den Film-Avantgarden Hollands, Ungarns und Deutschlands einen gewissen Widerhall. In den frühen 1930er Jahren verklangen konstruktivistische Impulse, beeinflussten in Deutschland jedoch nachhaltig das Programm des Bauhauses und der holländischen Gruppe De Stijl.
Grundlage der Bewegung ist das bewusste Bekenntnis zur modernen Technik und die Überzeugung, wonach der Künstler gleichsam als Ingenieur fungiert, in dessen Verantwortung es liegt, unter Verwendung moderner Technik Kunstwerke zu konstruieren, die für die Gesellschaft – und das heißt, für die neue sozialistische Gesellschaft – nützlich sind. Im Film übernehmen Regisseur, Kameramann und Cutter die Ingenieurrolle, und ihre Werke feiern die immense Bedeutung und Notwendigkeit von Technik und Maschinerie im sowjetischen Alltag (Sovietskie igrushki, aka: Soviet Toys, 1924, Dsiga Wertow; Tschelowek s kinoapparatom, 1929, Dsiga Wertow). In dem Maß, in dem der Konstruktivismus als Wegbereiter der neuen sozialistischen Gesellschaft verstanden und gelebt wird, ist er eine durchaus politisch motivierte Kunstbewegung, der darüber hinaus explizite didaktische Ansprüche zukommen. 

Literatur: Hoffmann, Justin: Hans Richter – Filmemacher des Konstruktivismus. In: Kinematograph, 5, 1989, S. 9-15. – Petrić, Vlada: Constructivism in film. „The Man with the Movie Camera“ – a cinematic analysis. Cambridge [...]: Cambridge University Press 1987. Repr. 1993.