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Neoformalismus II: historische Stilistik

Am weitesten ausgeführt ist das Projekt einer „historischen Stilistik“ im Entwurf zum klassischen Hollywood-Kino (Bordwell/Staiger/Thompson 1985), das als Gemeinschaftsarbeit von Autoren mit je spezifischen Interessengebieten angelegt ist. Das Stilsystem Hollywoods wird hier als ein „Modus filmischer Praxis“ (mode of film practice) angesehen, der eine spezifische Form filmischer Repräsentation mit einem Modus filmisch-industrieller Produktion (mode of film production) integriert: In diesem Entwurf sind die Überlegungen zur „revisionistischen“ Filmgeschichtsschreibung aufgenommen, die auf eine Hinterfragung filmischer Kanonbildung und Autorenorientierung sowie der Negierung der Filme als alleinige primäre Quellen der Filmgeschichtsschreibung zugunsten der Einbeziehung bislang vernachlässigter Dokumente wie Firmenunterlagen, Verträge, Gerichtsurteile, Anzeigen in der Fachpresse, Abrechnungen etc. abzielt. Gemeinsamer Fluchtpunkt „revisionistischer“ Ansätze ist die Synthetisierung ästhetischer, soziologischer, ökonomischer und technologischer Ansätze zur Historiographie des Films. Stil ist dabei gefasst als systematischer Gebrauch kinematographischer Mittel, der im spezifischen Produktionszusammenhang Hollywoods standardisiert und zum Regelwerk erhoben wird, so dass eine strikt arbeitsteilige Gliederung und damit Kosteneffizienz der Produktion möglich wird. Das Hollywood-System kann als ein solches „set“ von Regeln und Normen beschrieben werden (genau dies ist im übrigen eine der Schnittstellen, die das „Wisconsin-Projekt“ mit den Entwürfen des Formalismus, vor allem aber auch mit der Konzeption ästhetischer Normen bei Jan Mukarovsky verbindet), das im Hintergrund der Produktionsentscheidungen steht und zugleich das implizite filmisch-ästhetische Wissen der Zuschauer ausmacht. Stil meint nun nicht die pure Erfüllung einer historisch spezifischen Norm, sondern wird gefasst als dynamisches System, als Abfolge von Erfüllung und Verstoß gegen die Normen, als Prozess von Automatisierung und Verfremdung. Zum Teil sind Veränderungen des stilistischen Systems bedingt durch Veränderungen der technologischen Voraussetzungen (Farbe, Ton, Breitwandformate, 3-D-Verfahren etc.), aber auch wesentlich durch ökonomische Veränderungen (Marktanpassung, Medienkonkurrenz etc.) sowie institutionell sich verändernde Anforderungen wie z.B. Zensurbestimmungen („Hollywood production code“). Jedoch ist Stil nicht vollständig erklärbar durch gesellschaftliche Einflussnahmen, sondern ihm wird eine gewisse Tendenz zur Eigendynamik zugestanden: Das Ästhetische bildet ein autonomes Element des „mode of film practice“.

Literatur: Bordwell, David: On the History of Film Style. Cambrridge, Mass./London: Harvard University Press 1997. – Bordwell, David: Visual Style in Cinema. Vier Kapitel Filmgeschichte. Frankfurt: Verlag der Autoren 2001. – Bordwell, David / Staiger, Janet / Thompson, Kristin: The Classical Hollywood Cinema: Film Style and Mode of Production to 1960. New York: Columbia University Press 1985.

Referenzen