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Neorealismus

Politisch motivierte Stilbewegung im Italien der 1940er Jahre, die zunächst als Opposition zum faschistischen Film (dem Calligrafismo und den Telefoni bianchi) verstanden wird, nach Kriegsende als filmpolitischer Neuansatz gilt. Der Neo-Realismus knüpfte an Traditionen der figurativen Kunst in Abgrenzung zur Abstraction an. Vielfach der Arbeiterbewegung verbunden, ergriffen die dem Neo-Realismus angehörenden Künstler in den sozialen Kämpfen der Nachkriegszeit Partei. Die oft linksintellektuellen Filmemacher interessierten sich für die Gegenwart und die jüngste Vergangenheit, es ging ihnen um die Darstellung sozialen Elends und des Zweiten Weltkriegs, die kleinen Leute und ihren Alltag. Der „neue Realismus“ entstand durch die Aktualität der Themen, die Forderung nach dem Drehen an Originalschauplätzen und der Arbeit mit Laiendarstellern waren eine ästhetisch-programmatische Antwort auf die Erfahrung der autoritären Strukturen des Faschismus. Die Ästhetik des Neorealismus ist geprägt durch einen halbdokumentarischen Gestus mit mobiler Kamera, durch Plansequenzen und eine Inszenierung, die die Protagonisten mit Totalen und Halbtotalen in deren räumlich-soziales Umfeld einbettet, anstatt sie mit Nah- und Großaufnahmen zu individualisieren und psychologisieren. Auf dramaturgischer Ebene ist eine Neigung zum Didaktischen, Chorischen und Poetischen spürbar.
Die Aufbruchstimmung des Neorealismus wurde rasch gedämpft: Bei den ersten demokratischen Wahlen 1948 erreichte die konservative Democrazia Cristiana fast die absolute Mehrheit und wurde für Jahrzehnte zur bestimmenden politischen Kraft in Italien. Der unerhörte stilbildende Einfluss des Neorealismus besteht jedoch bis heute und kann, wie im Fall des iranischen Kinos oder des Dogma 95, ganze kinematografische Traditionen prägen.

Beispiele: Ossessione (1942, Luchino Visconti); Roma, Città aperta (1945, Roberto Rossellini); Ladri di Biciclette (1948, Vittorio de Sica).

Literatur: Cardullo, Bert: What is neorealism? A critical English-language-bibliography of Italian cinematic neorealism. Lanham [...]: University Press of America 1991. – Marcus, Millicent Joy: Italian film in the light of neorealism. Princeton, NJ: Princeton University Press 1986. - Meder, Thomas: Vom Sichtbarmachen der Geschichte. Der italienische "Neorealismus", Rossellinis PAISÀ und Klaus Mann. München: Trickster 1993. – Shiel, Mark: Italian neorealism. Rebuilding the cinematic city. London [...]: Wallflower 2006. – Paolo Noto, Francesco Pitassio: Il cinema neorealista. Bologna: archetipolibri 2010.
 

Referenzen