Metainformationen zur Seite
  •  

New Historicism

dt. oft auch: Neuhistorismus, neuer Historizimus; auch: Kulturpoetik; engl. manchmal: poetics of culture

Der New Historicism ist eine Theorierichtung der Literaturwissenschaft, die in den 1980er Jahren an der University of Berkeley entwickelt wurde und vor allem von Stephen Greenblatt populär gemacht wurde. Sie war eine rigoros verteidigte Gegenposition gegen den in den USA seit den 1930ern vorherrschenden New Criticism, der fast ausschließlich nach der inneren Struktur literarischer Texte fragte und dagegen ihre historischen und zeitgenössischen Kontexte vernachlässigte. Für den Neuhistorismus ist dagegen die Verbindung eines Textes mit anderen Texten, Überzeugungen und kulturellen Praktiken, die zur gleichen Zeit zirkulieren, von zentraler Bedeutung. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass alle kulturell produzierten Texte Themen, Probleme und diskursive Konflikte ihrer Zeit aufnähmen und an der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um eine privilegierte Realitätssicht teilnähmen. Texte sind im neuhistorischen Verständnis darum Knotenpunkte in einem kulturellen Gewebe, an dem sich zahlreiche Diskursfäden überschneiden. Texte sind mit sozialer Energie (social energy) aufgeladen, wodurch sie Resonanzeffekte mit ihrer kulturellen Umgebung erzeugen; sie gehören in ein Netzwerk von sozialer Zirkulation. Kulturen und Geschichte erweisen sich beiderseits als textuelle Phänomene, weil Bedeutungen nur im Horizont der intertextuellen Bezüge verstanden werden können, in denen Texte und reale Ereignisse zu ihrer Zeit gestanden haben. Geschichtlichkeit der Texte und Textualität der Geschichte (Geschichte ist nur in Erzählungen greifbar und bildet selbst keinen umfassenden narrativen Zusammenhang) bedingen einander. Jeder Text ist in ein gesellschaftliches Machtgefüge von Diskursen eingeschrieben, also keineswegs autonom.
Der von Grund auf interdisziplinär angelegte Neuhistorismus wurde schnell ein Sammelbecken für verschiedenste Ansätze der Gender Studies, African-American Studies, Cultural Studies. Eine stärker marxistisch orientierte Richtung bildete sich in England heraus (cultural materialism).

Fachzeitschriften: Representations. 1ff. Berkeley 1984ff. - KulturPoetik. Zeitschrift für kulturgeschichtliche Literaturwissenschaft. 1.1ff. Göttingen 2000 ff. Online: http://www.kulturpoetik.de .

Literatur: Baßler, Moritz (Hrsg.): New historicism. Literaturgeschichte als Poetik der Kultur. Tübingen/Basel: Francke 1995. Repr. 2001. – Brannigan, John: New historicism and cultural materialism. Basingstoke [..] Macmillan [...] 1998. – Gallagher, Catherine / Greenblatt, Stephen (eds.): Practicing new historicism. Chicago [...]: University of Chicago Press 2000.

Filmbezogene Literatur: Kaes, Anton: Filmgeschichte als Kulturgeschichte. In: Filmkultur zur Zeit der Weimarer Republik. Hrsg. v. Ulrich Jung u. Werner Schatzberg. München [...]: Saur 1991, S. 54-64. - Kriest, Ulrich: ‚Gespenstergeschichten‘ von Texten, die Texte umstellen. ‚New Historicism‘ und Filmgeschichtsschreibung. In: Montage/AV 5,1, 1996, S. 89-118. Auch online.