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Offenes Ende

Offene Formen können entweder fragmentarisch gestaltet sein (die Geschichte reißt an einem bestimmten Punkt ab, ohne dass eine conclusio hätte erfolgen können) oder sie verweigern die Zusammenführung, indem nach der Lösung zentraler Konflikte neue, über den Film hinausgehende Konflikte etabliert werden. Die Beispiele reichen von einem verunsichernden Element in einem ansonsten abgeschlossenen Ende (The Searchers, USA 1956, John Ford) über einen Abschluss der Handlung, der auf die Initialsituation zurückweist und somit unabgeschlossen bleibt (Ladri di Biciclette, Italien 1948, Vittorio de Sica), bis hin zu Film-Enden, die keinerlei expliziten Abschluss mit sich bringen (Blow up, Italien/Großbritannien/USA 1966, Michelangelo Antonioni; Limbo, USA 1999, John Sayles).

Viele Enden stellen Mischformen aus offenen und geschlossenen Enden dar und sind somit nicht eindeutig klassifizierbar. Es ist darauf hinzuweisen, dass es sich um eine modellhafte Dichotomie handelt, die nicht in allen Fällen eindeutig ist.

Thomas Christen widmet den dritten Teil seiner Arbeit Das Ende im Spielfilm Fallbeispielen aus Filmen von Michelangelo Antonioni, die dem Typus des offenen Endes zugeschrieben werden können. Erhebt eine Narration die Kausalität zum Erzählprinzip, passt das offene Ende nicht zur vorangegangenen Form und wirkt somit überraschend. Christen bezeichnet diesen Fall als „offenes Ende erster Ordnung“. Sofern die Narration statt Kausalität Kontingenz und Assoziation bevorzugt, passt das offene Ende sich der realitätsnahen und hierarchielosen (Nicht-)Erzählweise an, was Christen als „offenes Ende zweiter Ordnung“ klassifiziert.

Literatur: Bordwell, David (1985) Narration in the Fiction Film. London: Methuen 1985. – Christen, Thomas: Das Ende im Spielfilm. Vom klassischen Hollywood zu Antonionis offenen Formen. Marburg: Schüren 2001. – Preis, Eran: Not such a happy ending. The ideology of the open ending. In: Journal of Film and Video 42,3, 1990, S. 18‑23.