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Phantom Rides

Ursprünglich Aufnahmen von mehr oder weniger spektakulären Landschaften während einer Eisenbahnfahrt. Die Kamera ist dabei vorn auf dem Bullenfänger der Lokomotive montiert. Mit dieser Art des dolly shot wird so beim Betrachter der Eindruck eines Point-of-View-Shots (POV-Shots) hervorgerufen, den er aber – wie bei der Achterbahnfahrt – nicht kontrollieren kann und der deshalb bei steigender Geschwindigkeit unmittelbare physiologische Reaktionen und Lust/Unlustgefühle hervorruft. Die Phantom Rides des ausgehenden 19. Jahrhunderts (zunächst in England) gehen auf ältere Panorama- und Diarama-Shows der ersten Hälfte des Jahrhunderts zurück und stellen virtuelle Eisenbahnreisen dar, in denen die Zuschauer sich dem Gefühl des Geschwindigkeitsrausches und den Schönheiten inszenierter Landschaft hingeben konnten, ohne ihren bequemen Sessel im Lichtspieltheater verlassen zu müssen.
Phantom Rides und die ihnen zugrunde liegende Projektilmetapher (zu der man konzeptuell durchaus noch den Münchhausenschen „Ritt auf der Kanonenkugel“ hinzugesellen kann) werden mit den Möglichkeiten des Digitalen Kinos heute wieder entdeckt und eingesetzt, so etwa der vieldiskutierte Ritt der Kamera auf einer ausgeklinkten Bombe in Michael Bays Pearl Harbor (USA 2001) oder die Kamerafahrt durchs Schlüsselloch in David Finchers Panic Room (USA 2002). Fernsehserien wie Jerry Bruckheimers C.S.I., in der ständig schnelle Fahrten durch den menschlichen Körper aus der Perspektive eines eindringenden Objekts als Gedankenexperimente simuliert bzw. visualisiert werden, wären ohne die Vorgeschichte der Phantom Rides kaum vorstellbar.

Literatur: Kirby, Lynne: Parallel tracks. The railroad and silent cinema. Exeter: University of Exeter Press 1997.

Referenzen