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Polyphonie

Mit dem aus der Musikwissenschaft entlehnten Konzept der Polyphonie bezeichnet Michail Bachtin das Phänomen erzählerischer Vielstimmigkeit, das er zuerst anhand der Romane Dostojewskijs beschreibt. Im polyphonen Text lösen sich die Stimmen der Charaktere ab von ihrer vordringlichen Funktion, die Handlungsentwicklung zu motivieren, und hören auf, als Sprachrohr des Autors zu dienen. In der Pluralität unabhängiger Stimmen, die nicht in einem einzigen Bewusstsein verschmelzen, ist die Stimme der primären Erzählinstanz nur mehr eine im Vielklang koexistierender narrativer Instanzen und Stimmen, die auf verschiedenen Registern bestehen und damit eine innere dialogische Dynamik erschaffen. Diese Stimmen können einander ergänzen oder widersprechen, aber keiner kommt größerer „Wahrheitswert“ gegenüber den anderen zu. Die Einheit der erzählten Welt wird auch im neueren Film des öfteren durch ein vielstimmiges Nebeneinander von Interpretationen abgelöst, die den Rezipienten mit einer Vielzahl von Deutungshorizonten konfrontieren, anstatt ihm eine einzige Interpretation des Gezeigten nahezulegen oder gar aufzudrängen. Von besonderer Bedeutung ist die Gestaltung der Multiperspektivität in Filmen über das gesellschaftlich und kulturell Andere, weshalb der Polyphonie im ethnographischen Film besondere Bedeutung zukommt.

Literatur: Bruns, John: The polyphonic film. In: New Review of Film and Television Studies 6,2, 2008, S. 189‑212. – Martínez,Matías: Polyphonie im Dokumentarfilm? Bachtins Polyphoniekonzept und der Interpretationsstreit um Winfried Bonengels Beruf Neonazi. In: Rüdiger Zymner (Hrsg.): Erzählte Welt – Welt des Erzählens. Festschrift für Dietrich Weber. Köln: Ed. Chora 2000, S. 247‑260. – Stam, Robert: Subversive pleasures. Bakhtin, cultural criticism, and film. Baltimore [...]: Johns Hopkins University Press 1989.