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Primacy-Effekt

Der Primacy-Effekt als fundamentales rezeptionsästhetisches Modell wurde von Meir Sternberg in die allgemeine Erzähltheorie eingeführt: Der Anfang der Erzählung stellt einen Ankerpunkt für das Geschichtenverstehen dar, und zwar in zweifacher Hinsicht: Einerseits sorgt er für die Aktivierung von Figuren- und Handlungsschemata und damit für die Ausbildung erster, mehr oder weniger stabiler Erwartungen. Andererseits werden bisweilen Rückgriffe auf bereits vor­handene Informationen nötig, müssen ältere Annahmen und Hypothesen im Lichte neuer Informationen modifiziert oder auch revidiert werden (wie sich an Filmen zeigen lässt, die ‚falsche Fährten’ auslegen, um den Zu­schauer zu täuschen und die Verstehensprozesse in die Irre zu lenken). Der primacy effectlässt sich nicht auf das Phänomen der Informationsvergabe in Bezug auf Figuren und Handlung beschränken – schließlich erschöpft sich das Erzählen nicht in der Plotfunktion und das Geschichtenverstehen nicht in der Konstruktion der fabula. Am Anfang werden auch eine ganze Reihe von formalen Rahmenmodalitäten der Erzählung etabliert, die (als Stil-, Repräsentations-, Genrevorgaben u.ä.) in den Hypothesen der Zuschauer verarbeitet werden und den Erwartungsapparat der Rezeption steuern. Bordwell etwa spricht von einernarrativen Norm, die als Strukturvorgabe den Ver­stehensprozess steuert. Der primacy effectdient in dieser – weichen und im Kern metaphorischen – Anver­wandlung des psychologischen Konzeptes dazu, die schemabildende Wirkung auch des signifikanten Gebrauchs filmstilistischer Mittel zu erklären, der gleichfalls zur Ausbildung von Erwartungsmustern führt. 

Literatur: Sternberg, Meir: Expositional modes and temporal ordering in fiction. Baltimore/London: Johns Hopkins University Press 1978. - Bordwell, David: Narration in the Fiction Film. London: Methuen 1985. – Hartmann, Britta: Aller Anfang... Zur Initialphase des Spielfilms. Marburg: Schüren 2009. 

Referenzen