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Prolepse

von griech. prolépsis ‚Vorwegnahme‘; auch: Prolepsis; in Lämmerts Erzähltheorie: Vorausdeutung

Prolepse
tritt vornehmlich in drei Verwendungsweisen auf: (1) Als argumentativer Kunstgriff, wobei man eine noch gar nicht gestellte, aber vermutete Frage des Gesprächspartners vorwegnehmend beantwortet. (2) Als rhetorische Figur, bei der Teile eines Satzes, etwa bei einer Beschreibung, ihrer logisch-grammatisch als natürlich empfundenen Anordnung vorausgehen. (3) Als erzähltechnisches Verfahren einer Vorausdeutung, bei dem ein Ereignis, von dem angenommen wird, dass es in der Zukunft eintreten wird, im linearen Verlauf einer aktualen Erzählung antizipiert, also vorweggenommen, oder evoziert, also in der Vorstellung aktiviert wird. Gérard Genette spricht in diesem Sinne von der Prolepse als einer narratologischen Anachronie und versteht sie als direktes Komplement zur zurückblickenden Analepse (Retrospektion oder Rückwendung). Prolepse wird gemeinhin durch Prophezeiungen, Visionen, Träume der Figuren oder Vorausdeutungen des Erzählers realisiert. Ein wichtiges, wenn auch seltenes filmisches Mittel, Prolepse zu visualisieren, ist der Flashforward (für die Analepse entsprechend der Flashback). Auf der akustischen Ebene wird häufig auch der Voice Over proleptisch eingesetzt. Ein extremes, in seiner Simplizität allerdings als unbefriedigend empfundenes Beispiel für filmische Prolepse ist Pulp Fiction (USA 1994, Quentin Tarantino), bei dem die zweite Hälfte des Handlungsverlaufs vor der ersten gezeigt wird.

Literatur: Genette, Gérard: Discours du récit. In: Figures III. Paris: Seuil 1972. Dt. in: Die Erzählung. München: Fink 1994, 2. Aufl. 1998.

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