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Punktum: Film

Aufgrund der von Barthes immer wieder neu nachgewiesenen Labilität der Textproduktion wird klar, warum das Punktum im Medium der Fotografie zu finden ist und nicht der Malerei. Auch im Spielfilm ist das Punktum auf Grund des hochkontrollierten Hollywoodmodus eine Rarität. In Michelangelo Antonioni‘s Blow Up (1966) wird es zwar ausdrücklich thematisiert (es führt den männlichen Protagonisten, der Fotograf ist, langsam zum Verdacht, er könnte vielleicht eine Leiche und daher vielleicht einen Mord fotografiert haben), wird aber nur in seiner Fotoform vorgeführt (die berühmte Sequenz des Vergrößerns und Entwickelns besagten Fotos in der Dunkelkammer).
Am regelmäßigsten kann das Punktum im Dokumentarfilm und im Experimentalfilm nachgewiesen werden. In den minimalistischen Experimentalfilmen Andy Warhols wird das Punktum oft durch kleinste Gesten der gefilmten Personen zum Schockeffekt erhoben – ein Ästhetisierungseffekt, der sich deutlich vom sich sonst kaum bewegenden Bild absetzt. Auch haben Kunsthistoriker die Lacanschen Ursprünge des Punktums mit Hilfe der sich in den letzten Jahren rasch entwickelnden Traumatheorie neu theoretisiert (Foster 1998). Das Punktum wird hier vom psychoanalytischen Subjekt als eine Art verpasste Begegnung gewertet, die plötzliche und momentane Rückkehr einer rein imaginär konstituierten ‚harten Wirklichkeit‘. Dies hat besonders bei Warhols Filmen neue Fragen bezügl. der Phänomenologie des Films aufgeworfen und seine Darstellungskapazität im Hinblick auf Geschlechterrollen und Performativität wieder interessant gemacht (Grundmann 2003). Manche Filme, die mit Formen der Entwicklung, der Bildauflösung, der Manipulation der Schärfen arbeiten (wie J.J. Murphys Print Generation, 1978), kreieren in jedem der Stadien von Bildentwicklung, die sie anbieten, eine Reihe von möglichen Punktums, stellen sie aber gleichzeitig in Frage, da die Grenzen zwischen Punktum und Bildumfeld (dominantem Bildinhalt) verschwimmen.

Literatur: Foster, Hal: The Return of the Real. Cambridge: MIT Press 1998. – Grundmann, Roy: Andy Warhol’s Blow Job. Philadelphia: Temple University Press 2003. – Heath, Stephen: Narrative Space. In seinem: Questions of Cinema. London: Macmillan Ltd 1981, S. 19-75.