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Punk und Film

als punk wird im Englischen seit dem späten 16. Jahrhundert eine junge weibliche Prostituierte bezeichnet, später auch entsprechende junge Männer. Im 20. Jahrhundert wird es im Slang amerikanischer Gefängnisse für junge Kriminelle gebraucht, die (auch) für sexuelle Handlungen zur Verfügung stehen müssen. Seit Mitte der 1970er Jahre entwickelt sich von England aus der Gebrauch des Ausdrucks für eine subkulturelle, proletarische Jugendbewegung des Underground, die insbesondere durch ihre aggressive musikalische Ausrichtung (Punkrock) bekannt geworden ist
Punks, in ihrer äußeren Erscheinung (Haartracht, oft bizarre Kleidungs-und Schmuckkonventionen) sich bewusst von anderen Teilen der Gesellschaft abgrenzend, rebellieren mit ihren häufig anarchisch-phantasievollen, in Konsequenz aber auch selbstzerstörerischen Aktionen gegen die herrschenden politischen Klassen und ihre bürgerliche Kultur. Zu Beginn radikal antikapitalistisch orientiert, lehnen Punks später die Warengesellschaft nicht ab, forderten aber ihre Teilhabe ein. Punk ist so zu einer (anti-)ästhetischen Lebenseinstellung und Ideologie geworden, die sich auf dem Gebiet des Films neben zahlreichen Musikfilmen (z.B. British Rock, Großbritannien 1980, Wolfgang Büld; Neuaufl. als Punk and Its Aftershocks, BRD 1992) auch in weiteren, narrativen Bereichen des Filmemachens niederschlägt (Sid and Nancy, USA/Großbritannien 1986, Alex Cox; SLC Punk!, USA 1999, James Merendino), mit eigenen Theoretikern, Fanzines und Filmzeitschriften (z.B. Cashiers du Cinemart) sowie institutionalisierten Filmfestivals (z.B. Lost Film Fest, The Scowl Film Series). Ästhetische Devisen des Punk – Provokation aller Regeln der Ziemlichkeit, Strategien der Irritation und des chocs, Uminterpretation der Bedeutungen insbesondere von Schmutz und Abfall und anderer Gegenstände der Ablehnung, Abkehr von normativen Schönheitsvorstellungen, Spiel mit den Symboliken der Gewalt und der Unterdrückung, Verweigerung gesellschaftlicher Organisations- und Ordnungsformen – haben Regisseure wie Pedro Almodóvar oder Quentin Tarantino in den Kunstfilm eingebracht.
Bemerkenswert ist, dass sich seit den späten 1990er Jahren eine Historiographie der eigenen Bewegung entwickelt, die das ästhetisch-weltanschauliche Phänomen des Punk auch in ganz fremden Bereichen identifiziert und etwa einen katholischen Regisseur wie Robert Bresson (1901-1999) entdecken kann, dessen Le Diable probablement (Frankreich 1977) mit seinem jungen Protagonisten Charles als „the most punk film ever made“ (Richard Hell) gekennzeichnet worden ist. (LK)

Literatur: Donnelly, Kevin J.: Entertainment and dystopia: the punk anti-musical. In: Musicals: Hollywood and beyond. Ed. by Bill Marshall, Robynn Stilwell. Exeter / Portland, OR: Intellect 2000, S. 171-179. – Goshorn, A. Keith: Repoman and the punk anti-aesthetic: postmodernity as a permanent „bad area“. In: Crisis cinema: the apocalyptic idea in postmodern narrative film. Ed. by Christopher Sharrett. Washington, DC: Maisonneuve Press 1993, S. 37-76. – Goss, Brian Michael: Spectacular Recuperation: Alex Cox's Sid & Nancy. In: Journal of Communication Inquiry 24,2, 2000, S. 156-176. – Hell, Richard: Hell goes to Bresson: A new devotee's cinema conversion. In: The Village Voice, August 20-26. 2003. – Heuser, Sabine: Virtual geographies: cyberpunk at the intersection of the postmodern and science fiction. Amsterdam / New York: Rodopi 2003. – Tirana Toribio, Núria: A punk called Pedro: la movida in the films of Pedro Almodóvar. In: Contemporary Spanish cultural studies. Ed. by Barry Jordan, Rikki Morgan-Tamosunas. London: Arnold / New York: Oxford University Press 2000.

Referenzen