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Schicksalsfilme

Bei der sozialpsychologischen Aufarbeitung der deutschen Filmgeschichte bis 1933 in seinem Buch Von Caligari bis Hitler (dt. 1958) hat Siegfried Kracauer drei Typen von technisch und bildsprachlich innovativen deutschen expressionistischen Filmen herausgestellt, die er als „in der Nachfolge“ von Das Cabinet des Dr. Caligari (1919, Robert Wiene) stehend sieht und denen er einen gewissen Symptomwert für den heraufdämmernden Nationalsozialismus zubilligt: Tyrannenfilme, Schicksalsfilme und Triebfilme.
Den Typ der Schicksalsfilme expliziert er an zwei Werken von Fritz Lang (der zusammen mit seiner Frau Thea von Harbou auch die Drehbücher schrieb): Der müde Tod (1921) erzählt innerhalb einer Rahmenhandlung drei Episoden, in denen ein Mädchen zur Rettung ihres vom (anthropomorphisiert dargestellten) Tod beanspruchten Geliebten jeweils – erfolglos – in exotischem Ambiente (Orient, Renaissance-Venedig, China) eine Aufgabe zu lösen hat. Am Ende – wieder in der Rahmenhandlung – darf sie sich nach einer selbstlosen Kindsrettung mit ihrem Geliebten im Tode vereinen. Das Schicksal, das der Tod hier vertritt, opfert die jungen Liebenden nach einem undurchschaubaren und als sinnlos erscheinenden „tyrannischen“ Plan. Die Nibelungen: Siegfried (1924) zeigt anhand des mythischen Stoffes die Macht des Schicksals in einer Welt versklavter Wesen, deren Existenz nur noch als Material zu ornamentalen Dekorationen dient. Damit hatte Lang die pompöse faschistische Ästhetik des heraufziehenden Nationalsozialismus, wie sie 10 Jahre später in Leni Riefenstahls Triumph des Willens staatstragend kodifiziert werden sollte, bereits vollständig erfasst und entlarvt.

Literatur: Kracauer, Siegfried: Von Caligari bis Hitler. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Films. Hamburg: Rowohlt 1958 [u.ö.], S. 56-60.
 

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