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Synästhesie: Medientheorie

Wahrnehmungstheoretisch ausgerichtete Medienanalysen legen ihren Fokus auf die Frage nach technisch bzw. medial vermittelten Wahrnehmungskonditionen, nach den Wahrnehmungsdispositiven der jeweiligen Medien. Sie gehen von der Prämisse aus, dass unterschiedliche Medien unterschiedliche Sinne primär ansprechen. Ist ein bestimmtes Medium wie etwa das Fernsehen also kulturdominant, so prägt es dann die Weltwahrnehmung als solche auch jenseits der unmittelbaren Rezeption und völlig unabhängig von den übermittelten Inhalten. Vor allem Marshall McLuhan, aber auch Neil Postman oder Vilém Flusser gingen in ihren Überlegungen zu/über Medien von einer grundsätzlichen Antinomie aus zwischen der visuellen, eindimensionalen, primär den Logos ansprechenden Schriftkultur und der Bildkultur der audiovisuellen, instantanen, eher das Emotionale ansprechenden elektronischen Medien. Jedoch waren die Wertungen der Theoretiker hinsichtlich dieser polarisierenden Feststellungen konträr. Marshall McLuhan, der von einem ganzheitlichen, alle Sinne gleichermaßen ansprechenden Raum- und Welterleben, von einem „interplay of senses“ als Ideal ausging, nannte dies „Synästhesie“ und brachte damit als erster diesen Begriff in die medientheoretische Diskussion. Er kritisierte die von der Schrift geprägte Moderne als eine primär visuelle Kultur, in der der Gesichtssinn dominiere, der alle Dinge zerlege und teile. Demgegenüber hätten die elektronischen Medien das Potential, uns wieder ins Reich der Synästhesie, der engen Verflechtungen zu und zwischen den anderen Sinnen zu versetzen bzw. uns ganzheitlicher leben zu lassen. Theoretisch bezog sich McLuhan mit dieser Annahme auf die Schriften von Ernst H. Gombrich (v.a. „Art and Illusion“), aber auch auf Oswald Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“.

Literatur: McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle = Understanding Media. Dresden: Verlag der Kunst 1994, v.a. S. 122ff. Dt. zuerst 1968; mehrere Neuausg. Orig.: Understanding of Media. The Extensions of Man. New York: New American Library 1964; New York: McGraw-Hill 1964; London: Routledge Kegan Paul 1964; London: Sphere Books 1967; krit. Ausg.: Corte Madera, Cal.: Gingko Press 2003. – Bolz, Norbert: Theorie der neuen Medien. München: Raben Vlg. von Wittern 1990. – Kloock, Daniela: Von der Schrift zur Bild(schirm)kultur. Analyse aktueller Medientheorien. 2. korr. u. durchges. Aufl. Berlin: Spiess 2003.