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titelloser Film

In der Phase der frühen Kinematographie entbehrten Filme sprachlicher Information, da sie durch einen Kinoerklärer kommentiert wurden. Dieser fungierte sowohl als Erzählinstanz als auch als Stimme, die (fiktive) Dialoge hinzudichtete. Die frühen Filme hatten auch keine Eingangstitel. Ende der 1910er Jahre begannen die Produktionsgesellschaften, Zwischentitel in das Filmband einzusetzen, gefilmte Schrifttafeln, die Figurendialoge und Erzählerrede wiedergaben. Bei Exportfassungen konnten die Titel ausgetauscht und Übersetzungen der Originaltexte eingefügt werden. In den 1920er Jahren forderte die europäische Avantgarde angesichts zunehmender „Titelflut“, dass alle Information idealtypisch rein visuell über das Filmbild vermittelt werden sollte; in der Drehbuchliteratur finden sich derartige Forderungen schon um 1913. Die Forderung nach dem „titellosen Film“ resultierte aus der Beobachtung, dass Zwischentitel den Fluss der Bilder und die Totalität der filmischen Welt unterbrechen. Deshalb wurden in der Inszenierung und optischen Auflösung besonders mimische und gestische Ausdrucksformen der Figuren fokussiert, um Stimmungen und Emotionen ohne die Notwendigkeit sprachlicher Expression zu vermitteln. Das erste deutsche Spielfilm, der direkt damit warb, ohne Zwischentitel auszukommen, war wohl Schatten (1923, Arthur Robison). Der „titellose Film“ blieb allerdings in der Hochzeit des Stummfilms die Ausnahme (wie Der letzte Mann, Deutschland 1924, Friedrich Wilhelm Murnau, oder Ménilmontant, Frankreich 1924/25, Dimitri Kirsanoff), und für den Fall, dass die titellosen Fassungen bei Kritik oder Publikum keinen Anklang fänden, wurden auch getitelte Versionen hergestellt. Der letzte Mann lief nur einige Wochen ohne Titel, dann kam eine zweite, zudem gekürzte Fassung mit (allerdings wenigen) Zwischentiteln in den Verleih. Alle diese Beispiele entstammten nicht der avantgardistischen Filmproduktion. Das bekannteste Beispiel eines titellosen Films der deutschen Avantgarde ist Berlin. Die Sinfonie der Großstadt (1927, Walter Ruttmann: „Jeder Vorgang spricht durch sich selbst – also: keine Titel!“). Vielleicht noch erwähnenswert ist Wilfried Basses Markt in Berlin von 1929, der in zwei Fassungen erschien: eine „Avantgarde“-Fassung mit ein, zwei Eingangstiteln, und eine „Kulturfilm“-Fassung mit zahlreichen belehrend-informierenden Zwischentiteln.