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Urszene

engl.: primal scene; franz.: scène originaire; scène primitive;

Der Ausdruck erscheint seit 1897 in der Korrespondenz von Sigmund Freud und wird 1918 mit der Veröffentlichung des sog. „Wolfsmann“-Falls terminologisch fixiert (Freud: Aus der Geschichte einer infantilen Neurose, 1918, in: Gesammelte Werke Bd. 12, 6. Aufl. Frankfurt 1986, S. 27-157). Er beschreibt in enger Auslegung die Beobachtung des elterlichen Geschlechtsverkehrs durch das Kind im Alter von 1-2 Jahren bzw., in weiterem Begriffsumfang, das spätere Phantasieren einer derartigen Beobachtung, die sogenannte „Urszenenphantasie“ oder kurz „Urphantasie“.
Die Urszene findet sich (als Urphantasie) in Träumen, in Erzählungen, die das Erinnern archetypisch gestalten (Märchen, Sagen), sowie in sekundären Ableitungen solcher Motive durch den Film (z.B. als Märchenstruktur in Neil Jordans The Company of Wolves, 1984). Sie wurde aber auch zum Gegenstand der Filmtheorie: Christian Metz hat von der „Skopophilie der Urszene“ gesprochen, die sich nicht nur auf die „klassische“ Urszene der elterlichen Beiwohnung, sondern auch auf als imaginiert oder als real gezeigte Urszenen des Voyeurtums (Schlüssellochszenen bzw. -perspektiven), der Verführung, der Vergewaltigung oder der Kastration erstrecke. Dabei ist die Urszene dann häufig mit dem Begriff der „Schlüsselszene“ kontaminiert.
„Spezielle“ Urszenen (= Schlüsselszenen) lassen sich bei vielen wichtigen Regisseuren aufweisen: „Bei Fellini war es der Auftritt der dicken Frau, bei Truffaut der Augenblick des Begehrens vor dem Kuß, bei John Ford der Ritt durch das Monument Valley. Bei Steven Spielberg ist es das Erwachen des kleinen Jungen in der Nacht“ (Andreas Kilb, Die Zeit 33, 1997). Man kann bei Hitchcock noch den Frauenmord nennen, bei den Superhelden nach der Cambellschen Mythenanalyse die Ermordung der Eltern und für den Teeniehorrorfilm das Zustoßen des Dolches. Mit brutaler Wucht und nachhaltiger Wirkung stellt ein Regisseur wie David Lynch (sekundäre) Urszenen in Filmen wie Blue Velvet (1986) oder, noch komplexer, in Lost Highway (1997) aus. Ein für die Filmtheorie wichtiges Experiment bietet der 6minütige, dialoglose Kurzfilm Die Urszene (BRD 1981, 16 mm, Christine Noll Brinckmann), in dem die anthropomorphe Kamera, einen Betrachter suggerierend, Blicke auf unterschiedlichste – jeweils leere – Betten in verschiedenen Schlafzimmer zeigt und so diesen eigentlich privaten Rückzugsort den skopophilen, filmisch-voyeuristischen Erwartungen des Zuschauers ausliefert.

Literatur: Brinckmann, Christine Noll: Die filmische Urszene und der Film Die Urszene. In: Ruhs, August / u.a. (Hrsg.): Das unbewusste Sehen. Texte zu Psychoanalyse, Film, Kino. Wien: Loecker 1989. S. 20-43; wiederabgedr. in: Dies.: Die anthropomorphe Kamera und andere Schriften zur filmischen Narration. Zürich: Chronos 1997, S. 214-231. – Maier, Christian: Urszene. In: Mertens, Wolfgang / Waldvogel, Bruno (Hrsg.): Handbuch psychoanalytischer Grundbegriffe. Stuttgart/Berlin/Köln: Kohlhammer 2000, S. 775-777. – De Lauretis, Teresa: The practice of love: lesbian sexuality and perverse desire. Bloomington: Indiana University Press 1994, S. 81-148 [darin Kap. 3: Recasting the Primal Scene: Film and Lesbian Representation]. – Penley, Constance: Time travel, primal scene, and the critical dystopia. In: Camera Obscura 15, 1986, 66-85; wiederabgedr. in: Ds. [u.a.] (eds.): Close encounters: film, feminism, and science fiction. Minneapolis: University of Minnesota Press 1991.
 

Referenzen