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Zwerge

(1) Männliche Figur des Märchens und der Fantasy oder Phantastik mit infantilen wie gelegentlich auch dämonischen Zügen, meist in Gruppen auftretend. Diese Zwergenfiguren arbeiten oft im Bergwerk, in dem sie die Schätze der Erde abbauen. Der „böse Zwerg“ tritt z.B. in Märchenfilmen wie Das singende, klingende Bäumchen (DDR 1957, Francesco Stefani) auf, der einen Zaubergarten beherrscht und den Prinzen zu einer aberwitzigen Wette veranlasst, in der es um die Prinzessin geht, die im Garten gefangen gehalten wird. Noch der Killer-Zwerg in dem James-Bond-Film The Man with the Golden Colt (1974) erinnert an die bösen Zwerge des Märchens.
(2) Gelegentlich leben Zwergenwüchsige – ähnlich wie die „Freaks“ in Tod Brownings Film Freaks (USA 1932) – in einer Untergrund- oder Gegengesellschaft. Schon in den Schneewittchen-Varianten sind die sieben Zwerge Vertreter eines Kollektivs außerhalb der Macht der bösen Königin, eigenwillig, nicht bereit zur Unterwerfung.
(3) Der realistische Film setzt sich mit dem pejorativ für kleinwüchsige Menschen gebrauchten Begriff auseinander und macht sich die Diskrepanz von Erwachsensein und auf dem Niveau des Kindes verbliebener Körpergröße zu Nutze. Als soziale AußenseiterInnen werden Kleinwüchsige oft mit tragischen oder melancholischen Zügen ausgestattet. The Station Agent (USA 2003, Thomas McCarthy) erzählt von einem Kleinwüchsigen, der in einem Bahnwärterhäuschen in Neufundland Anschluss zu anderen einsamen Mitgliedern der Gesellschaft findet.
(4) Kleinwüchsige tauchen immer wieder als groteske Zerrbilder der Normalität auf, als karnevaleske Exzessformen des Menschlichen. Erinnert sei an Nebenrollen wie den zwergenwüchsigen Zuhälter in John Hustons Under the Volcano (USA 1984), an die Zwerge in Ingmar Bergmans Tystnaden (Schweden 1963) oder an die zahlreichen Zwerge in den Filmen Fellinis. Insbesondere sei auf Werner Herzogs ausschließlich mit Zwergenwüchsigen besetzte Parabel-Groteske Auch Zwerge haben klein angefangen (BRD 1970) hingewiesen, der einen Aufstand gegen die Ordnungen und Zwänge des Alltagslebens und dessen jämmerliches und absurdes Scheitern nacherzählt. Auch der kleinwüchsige Protagonist in Die Blechtrommel (BRD 1981, Volker Schlöndorff) ist ein dramatischer Katalysator, eine Fremdexistenz in der erzählten Welt, die gerade darum als Seismograf von Vorurteilen und Machtverhältnissen dienen kann.
(5) Einige kleinwüchsige Darsteller (wie Danny DeVito, Peter Dinklage, Peter Radtke) haben in einer ganzen Reihe von Filmen Kleinwüchsigkeit als Lebensbedingung thematisiert.

Literatur: Adelson, Betty M.: The lives of dwarfs. The journey from public curiosity toward social liberation. New Brunswick, N.J.: Rutgers University Press 2005. – Williams, Bruce: Dwarfing difference. Deformity at the threshold of the visible in Bemberg's "I Don't Want to Talk About It." In: Canadian Journal of Film Studies 8,2, 1999, S. 44-55.