Lexikon der Filmbegriffe

Naivität im Film

Naivitätals Einfältigkeit, als Dummheit, als Kindlichkeit, als Unverbildetheit, als Volkstümlichkeit, als schützende Maske: Der Begriff der Naivität ist von schillernder Vielfalt. Mal ist sie politische Tugend, mal poetologischer Trick, mal psychologischer Charakterzug, mal pathologische Einengung der Figur. Eine ganze Reihe von Traditionen nutzt das Naive als Schlüssel zum Text: die Figur des reinen Toren, die Figur des staunenden Kindes, die Figur des Simplicius, die Figur des Don Quijote. Aber auch das Rollenfach der Naiven, die im Theater des 18. Jahrhunderts entwickelt wurde.
Die bemerkenswerte Flachheit der Heldenfigur aus Forrest Gump (1993) hängt damit zusammen, dass sie der viel älteren Figur des reinen Toren nachempfunden ist, der auf der Suche nach dem Glück durch die Szenarien seiner Zeit durchgeht, ohne sich eigentlich zu ändern. Elemente dieser simplizianischen Figur finden sich auch in Filmen wie Little Big Man (1967), dessen Held auf der Suche nach dem Glück die Fronten der frontier vielfach wechselt, zwar die Masken der Westerner-Rollen anlegt, ohne doch je innerlich tangiert zu sein. Ist das Naive hier Bedingung dafür, dass das Unglück der Welt die beiden Helden nicht an ihrem Glücksstreben hindern kann, ist sie in Filmen wie Mr. Smith Goes to Washington (1938) ideologisch-psychologische Voraussetzung dafür, dass der unverbildete und damit unkorrumpierte Held den Kampf gegen die intriganten Politiker aufnehmen kann.
Noch bei Kant ist die Naivität der Ausdruck der dem Menschen eigentlich natürlichen Aufrichtigkeit, der die Verstellungskunst als kulturell-historische Charakteristik entgegengestellt worden ist. In Dangerous Liaisons (1988) von Frears ist die Naivität der Madame de Tourvel Hinweis auf einen ebenso gewollten wie behüteten, keiner Intriganz gewahrenden, unschuldigen und tugendhaften Charakter, dem umso tieferer Schmerz beigefügt werden kann, werden die sozialen Voraussetzungen verletzt, die mit diesem Tugendhaft-Sein-Wollen einhergehen.

Referenzen:

ingénue

Simpliziade


Artikel zuletzt geändert am 22.03.2012


Verfasser: HJW


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