Lexikon der Filmbegriffe

Camp

„Camp ist eine Art unter anderen, die Welt als ein ästhetisches Phänomen zu betrachten“, beginnt Susan Sontag 1964 ihren berühmten Aufsatz „Notes on ‚Camp‘“ in der Zeitschrift Partisan Review. In 58 Thesen beschreibt sie darin den Begriff Camp und versucht, ihn von „Kitsch“ abzugrenzen. Da Sontag sich bewusst einer wissenschaftlichen Systematik entzieht, um Camp als „sensibility“ (dt: Erlebnisweise) zu retten, haben ihre Thesen lediglich den Charakter einer Annäherung. In der Summe kann Camp als Vorgang einer signifikativen Lektüreverschiebung beschrieben werden, die das Auseinanderfallen von Form und Inhalt ästhetisiert und an Erlebnisweisen von Subkulturen anknüpft. Sie gilt als eine Ästhetik der Anführungszeichen, mit ausgeprägtem Hang zu Übertreibung und Künstlichkeit. Gleichwohl camp eher eine Umgehensweise mit Texten beschreibt denn Texte klassifiziert, gibt es eine deutliche Affinität von Künstlern, Genres und besonderen Filmen zu einem camp reading. Erinnert sei an die Filme von John Waters (Pink Flamingos, 1974) oder Russ Meyer (Faster, Pussycat! Kill! Kill!, 1966) oder auch an Figuren wie Marlene Dietrich oder Doris Day, die – eine camp sensibility vorausgesetzt – zur Uminterpretation und sogar zur Weiterbearbeitung als Figuren der Travestie eingeladen haben.
Der Begriff Camp steht im England um 1900 für „pleasantly ostentatious“ (vergnügliche Überdeutlichkeit) und wandelt sich später zur Bezeichnung für Schwule resp. für Äußerungsweisen schwuler Subkultur. Susan Sontag beschreibt die spezifische Kultur von Homosexuellen als Vorreiter der Camp-Ästhetik. Im Rahmen einer entstehenden Queer Theory wird häufig auf Sontags Aufsatz zurückgekommen. Der Vorgang der Umdeutung und Denaturisierung von Texten einer als dominant empfundenen heterosexuellen Kultur interessieren Camp wie Queer Theory gleichermaßen. 

Literatur: Kratzert, Armin: Camp. Mit einem Essay von Sontag, Susan. München: Popa-Vlg. 1987. – Doty, Alexander: Making Things Perfectly Queer - Interpreting Mass Culture. Minneapolis: University of Minnesota Press 1993. – Tinkcom, Matthew: Working Like a Homosexual: Camp, Capital, Cinema. Durham [...]: Duke University Press 2002 (Series Q.).
 

Referenzen:

midnight movie

psychotronischer Film

queer theory / queer studies

queer cinema


Artikel zuletzt geändert am 14.01.2012


Verfasser: HM


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