Lexikon der Filmbegriffe

Karnevalisierung / das Karnevaleske

Die Herkunft des Wortes Karneval ist ungeklärt. Oft wird es auf das lat. caro ‚Fleisch‘ und elevare ‚aufheben‘, was im mittellat.-ital. als carne, vale! ‚Fleisch, lebe wohl!‘ die unmittelbare Vorphase der Fastenzeit eröffnet, in der das noch vorhandene Fleisch verzehrt werden muss; eine zweite Ableitung führt auf das lat. carrus navalis zurück, womit ein Schiffskarren bezeichnet wird, mit dem sich der Sage nach die verschiedenen Göttinnen des Frühlings und der Fruchtbarkeit fortbewegten und der bei den Fastnachtsumzügen wieder auftaucht.
Der Karneval geht zurück auf die mittelalterliche Lachkultur: das germanische Julfest und die römischen Saturnalien und Lupercalien. Dem Karnevalesken wohnen seit ehedem freiheitliche, anti-hierarchische Tendenzen inne, die sich für eine begrenzte, aber legale Zeit sich gegen Obrigkeit, Autorität und Macht wenden. Symbole der repressiven (Staats-)Macht werden dabei umgestülpt und ins Lächerliche und „abstoßend Komische“ (Bachtin) gezogen und drücken darin eine „Narrenwahrheit“ aus, deren provozierendes Gelächter als Befreiung erlebt wird.
Auf die Literatur hat die Lachkultur frühen Einfluss. Gattungen wie Farce, Sotise und moralité entstehen und finden in der Renaissance (u.a. bei Rabelais) ihren Höhepunkt, gründend auf bereits in der Antike entwickelte Gattungen (Dialog, Tischgespräch, Anekdote). Später entwickeln sich Komödie, Satire, Fabel, Parodie und die burlesken Gattungen, die die Qualitäten der Asymmetrie, der Heterogenität, des In-sich-Widersprüchlichen und der Kollidierung unvereinbarer Elemente, die dem Karnevalesken zugehören, zu Gattungsmerkmalen erhoben.
Das Karnevaleske hat besonders produktiven Einfluss auf die literarische Motivik, indem es sich vom „Normalen“ abhebt und auf Ambivalenzen gründet. Als semantisch ambivalent können beliebte karnevaleske Motive und Topoi beschrieben werden: Geburt und Tod (der „schwangere Tod“), Erniedrigung und Erhöhung (Sturz des Königs), Lob und Schelte, Gesicht und Gesäß usf. sowie kontrastierende Figurenpaare (dick und dünn, klug und dumm) oder Identitätskonstrukte (Doppelgänger, Zwilling). Auf die karnevalesken Filmgenres – Slapstick, Situationskomödie, Screwball-Comedy, Parodie, Satire oder Schwarze Komödie – haben sie naheliegenden Einfluss.

Literatur: Bachtin, Michail M.: Literatur und Karneval. Zur Romantheorie und Lachkultur. Frankfurt: Fischer 1990. – Stam, Robert: SubversivePleasures: Bakhtin, Cultural Criticism, and Film. Baltimore/London: The John Hopkins University Press 1989.

Referenzen:

Exzentrismus


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: HM


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