Lexikon der Filmbegriffe

Klone / Klonieren

Hatte noch lange die ingenieurwissenschaftliche Arbeit am Cyborg und am Androiden dominiert, tritt die Vorstellung einer Genmanipulation und einer künstlichen Nutzung der Reproduktionsmedizin vor allem in den Genres der Science Fiction erst seit 1975 regelmäßig auf. Das Klonieren knüpft bruchlos an die Vorstellungswelten von Golem und Frankenstein an: Die Erschaffung künstlicher Menschen geht Wege der Reproduktion, die außerhalb der natürlichen Ordnung der Vermehrung liegen und die die verbindliche Rolle der Sexualität als Bedingung der Fortpflanzung aufheben. Der Reprodukteur nimmt Gottes Stelle ein – und er ist Magier (wie beim Golem) oder – oft verrückter – Wissenschaftler (wie in der Frankenstein- oder in der Jekyll/Hyde-Geschichte) oder eine Mischung von beidem. Kontexte des Klonierens und der genetischen Kontrolle sind Visionen des totalitären Staates (wie in Gattaca, 1997), faschistische Visionen, in denen das Rassenbild der Nazis wiedererscheint (The Lucifer Complex, 1987) oder die Hitlerfigur wiederkehrt (wie in The Boys from Brazil, 1978), Vorstellungen einer Zukunft, in der Individualität und Subjektivität nichts mehr gelten und das Individuum verfügbar geworden ist (The Sixth Day, 2000) oder gar die genetische Identität der Arten in Frage gestellt wird (wie in The Island of Dr. Moreau, 1996). Das Klon-Doppel ist in aller Regel bösartig und muss oft mühsam unter Kontrolle gebracht oder ausgeschaltet werden. Die Figur der „Geister, die ich rief“, wird auch in den Tierklon-Spektakeln des Jurassic-Park-Zyklus (1993-2001) dramatisiert. Die Klonierung ist im aktuellen Diskurs, wie er in den Gentechnik-Filmen geführt wird, so zum Allgemein-Symbol für die zunehmende Verfügungsmacht des Menschen geworden und ist meist fortschrittsskeptisch ausgerichtet. 

Literatur: Wulff, Hans J.: Klone im Kinofilm. Geschichten und Motive der Menschenverdoppelung. In: Medien praktisch, 3, 2001, S. 47-52; 4, 2001, S. 50-52. – Wulff, Hans J.: Zwischen Phantasie und Diskurs: Motive als Topoi in den Spielfilmen und journalistischen Texten der Gentechnik. In: Humane Stammzellen: Therapeutische Optionen, ökonomische Perspektiven, mediale Vermittlung. Hrsg. v. Christine Hauskeller. Lengerich: Pabst 2002, S. 203-219.


Artikel zuletzt geändert am 31.07.2011


Verfasser: HJW


Zurück