Lexikon der Filmbegriffe

queer theory / queer studies

Queer Theory basiert auf dem demonstrativen Rückgriff auf das seit dem zweiten Weltkrieg veraltete Wort ‚queer‘, das vor allem Anfang des 20. Jahrhunderts von homosexuellen Nichttransvestiten im anglo-amerikanischen Sprachraum gebraucht wurde. ‚Queer Studies‘ war als allgemeinere Bezeichnung für die Untersuchung der Formen und der Geschichte der Darstellungsmuster und Selbstdarstellungen schwuler, lesbischer und anderer tabuisierter Sexual- und Geschlechterformen schon in den 1980er Jahren in Gebrauch und wurde wichtiger Wegbereiter des vor allem in den USA stark ausgeprägten Queer Media Activism (im Umfeld des AIDS Activism), spielte aber auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung und Institutionalisierung der Queer Film Studies.

Queer Theory
folgt der Problematisierung des Begriffs ‚Frau‘ im Feminismus (de Beauvoir, Butler), der De-Essentialisierung des Begriffs ‚race‘ (H.L. Gates), und der etnographisch-antropologischen Dekonstruktion von sozialem und anatomischem Geschlecht (Esther Newton), um so für eine Denaturalisierung normativer Geschlechterbilder zu argumentieren wie auch die Entkoppelung der Konzepte von Geschlecht und Sexualität herbeizuführen und die Destabilisierung des Binarismus von Hetero- und Homosexualität und die Anerkennung eines sexuellen Pluralismus zu bewirken. Aufbauend auf den Einsichten von Sigmund Freud, Ferdinand de Saussure, Louis Althusser, Jacques Lacan, Roland Barthes und vor allem Michel Foucault findet Queer Theory neue Formen persönlicher Identifikation und Identität und erinnert stets an die Einsicht, dass das ‚Ich‘ niemals außerhalb ideologisch-machtstruktureller Darstellungsräume stehen kann und dass ‚Identität‘ Mythos, kulturelle Fantasie und politisch und psycho-sexuell notwendige Fiktion ist. Besonders zentral für die Entstehung der Queer Theory sind Foucaults Thesen. In seiner dreibändigen Geschichte der Sexualität legte er dar, dass Sexualität nicht ein natürlicher Zustand ist, sondern eine Kategorie, der man aus politischen und sozialen Gründen zugeordnet wird. Sexualität ist daher nicht nur Ziel des gesellschaftlichen Macht- und Kräftespiels, sondern auch konkreter Effekt und Zwischen- oder Endprodukt dieses Prozesses.

Literatur: Creekmur, Corey K. / Doty, Alexander (Hrsg.): Out in Culture: Gay, Lesbian, and Queer Essays on Popular Culture. Durham/London: Duke University Press 1995. – Kraß, Andreas (Hrsg.): Queer denken: Gegen die Ordnung der Sexualität (Queer Studies). Frankfurt: Suhrkamp 2003. – Sanchez, Carla Maria / Schlossberg, Linda (Hrsg.): Passing: Identity and Interpretation. New York: New York University Press 1993.
 

Referenzen:

Camp

Feminismus

queer film studies


Artikel zuletzt geändert am 25.06.2012


Verfasser: RG


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