Lexikon der Filmbegriffe

Ensemblefilm

engl: Multi-Protagonist Film Genre; ensemble film/movie; manchmal auch: ensemble-cast film/movie, multi character film

(1) Der Individualismus des Helden ist eine der wichtigsten tiefenideologischen Verankerungen des amerikanischen Kinos. Die Erzählkonventionen Hollywoods sind darum konzentriert auf einen einzelnen Helden: Er bildet das Zentrum der Geschichte, seine Ziele, Wünsche, Obsessionen relativieren den affektiven Raum des Geschehens. Alle anderen Figuren sind ihm funktional nachgeordnet. Die Kritik dieses Individualismus gehört von Beginn an zur Kritik des Hollywoodfilms. Der Ensemblefilm setzt gegen den individuellen Helden entweder ein Heldenkollektiv (wie schon Eisenstein in Panzerkreuzer Potemkin, 1925), eine Reihe oder Serie von protagonalen Figuren (wie Rossellini in Roma città aperta, 1943-45) oder ein Ensemble von Figuren, die hinsichtlich ihrer Relevanz für die Geschichte gleichberechtigt sind (wie in Robert Altmans Nashville, 1975, oder seinem A Wedding, 1976). Margrit Tröhler unterscheidet den Gruppen- und den Mosaikfilm: Gruppenfilme handeln von einer zusammenhängenden Gruppe von Personen (eine Familie, eine Gang, eine Schulklasse oder ähnliches), deren Geschichten an einem zentralen Ort zusammengeführt werden (wie in The Group, 1965, Sidney Lumet). Mosaikfilme erzählen dagegen parallel und unverbunden – von gelegentlichen Überkreuzungen der Geschichten abgesehen – eine Reihe von einzelnen Geschichten, deren Helden miteinander nichts zu tun haben. Beispiele sind Altmans Short Cuts (1993) oder Michael Hanekes 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls (1994).
(2) Die amerikanische Screen Actors Guild vergibt einen jährlichen Preis für die Leistungen eines Ensembles, den “Best Ensemble Award”. 

Literatur: Tröhler, Margrit: Les films à protagonistes multiples et la logique des possibles. In: Iris 29, 2000, S. 85-102. – Keil, Daniel: Die spezifischen dramaturgischen Phänomene von Fabeln, die aus mehreren parallel montieren Erzählsträngen bestehen: Anmerkungen zum Ensemblefilm. Diplomarb. Potsdam-Babelsberg: HFF „Konrad Wolf“ 2001.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW LK


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