Lexikon der Filmbegriffe

Cinéma Vérité

Die ursprünglich von Dziga Vertov stammende Bezeichnung Cinéma Vérité (= Kino-Pravda) wurde von Edgar Morin, einem linksorientierten Journalisten und Soziologen, auf das Werk Jean Rouchs übertragen. Von ihm stammte die Idee, die in der ethnografischen Filmarbeit entwickelten Rouchschen Techniken in einem Porträt bzw. „soziologischen Fresko“ des Lebens in Paris anzuwenden – ohne Drehbuch, bestehend nur aus einer Reihe von Interviews, die z.T. sehr lang und intensiv wurden; die Kamera sollte ein Katalysator sein, die Realität selbst sich dramatisieren; das Ergebnis war die Gemeinschaftsarbeit Chronique d'un Eté (1961). François Reichenbach, Mario Ruspoli und der junge Chris Marker griffen neben jungen Dokumentaristen aus anderen Ländern die Programmatik des Cinéma Vérite auf, das gleichwohl keine eigene dokumentarische Bewegung wie das Direct Cinema wurde, sondern immer sehr eng mit dem Werk Rouchs verbunden blieb.
Das Ziel ist es, die Konflikte zu protokollieren, die durch das Vorhandensein von Kamera und Interviewer hervorgerufen werden. Insofern ist Cinéma Vérité ein „Forschungsprozess“ (Morin) und der Film eine „Film-Enquête“, eine „Film-Untersuchung“. Der Kamera kommt entsprechend ein Charakter als caméra provocateur zu.

Referenzen:

caméra provocateur

Kino-Pravda

uncontrolled cinema


Artikel zuletzt geändert am 18.01.2012


Verfasser: HJW


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