Lexikon der Filmbegriffe

Imaginationen

Eine der bemerkenswertesten Leistungen des Films ist seine Fähigkeit, die der empirischen Wirklichkeit gegenüberstehenden imaginierten, nur mental existierenden Vorstellungswirklichkeiten (Träume, Erinnerungen, Traumata, verdrängte Schlüsselerlebnisse, Tagträume, Phantasien, Angstvorstellungen, Wunschvorstellungen, Vorahnungen, Wahngebilde usw.) darstellen zu können. Nicht immer sind diese modal vom „realistischen Bild“ zu unterscheidenden Bilder oder Sequenzen mit formalen Mitteln markiert, sondern müssen oft aus dem Kontext erst erschlossen werden. Filmische Imaginationen durchsetzen die diegetische Wirklichkeit der Geschichte mit subjektiven Momenten, öffnen das Geschehen in eine Dimension subjektiver Bild- und Bedeutungsprojektion. Natürlich werden die Filmimaginationen dem Subjektiven entrissen, werden in allgemein zugänglichen Bildern repräsentiert. Darum auch dienen sie nicht so sehr dazu, das Subjektive gegen das Kollektive zu reklamieren, sondern am Subjektiven der Bildproduktion eines Traums, einer Phantasie, einer Vorahnung die Geltung der Kollektiv-Symboliken zu demonstrieren. Subjektivität ist in der semiotischen Strategie des Films auf der textuell-diegetischen Ebene eine modale Kennzeichnung; ontologisch-semiotisch ist sie aber im Kollektiven verankert, weil sich das Subjektive nur in Symbolwelten artikulieren kann, die es nicht hervorgebracht hat.

Literatur: Dieterle, Bernard (Hrsg.): Träumungen: Traumerzählung in Film und Literatur. St. Augustin: Gardez!-Vlg. 1998.

Referenzen:

Halluzination

Traum: nichtsubjektive Träume


Artikel zuletzt geändert am 19.01.2012


Verfasser: HJW


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