Lexikon der Filmbegriffe

Apparatus

Die Ende der 1960er Jahre entstandenen Apparatustheorien erweitern den Bezugsrahmen der strukturalen Linguistik in der Kinotheorie um die Betrachtung der kinematographischen Produktions- und Reproduktionstechnik (den Apparat). Für eine Ideologiekritik des Kinos betonen sie, dass vor allen inhaltlichen ‚Aussagen‘ des Films die Zuschauer in ein durch die Medientechnologien vorbestimmtes Verhältnis zur Leinwand positioniert werden; ein „Subjekteffekt“, der unter Bezugnahme auf die psychoanalytische Subjekttheorie als unbewusst herausgestellt wird. Für Jean-Louis Comolli und Jean-Louis Baudry, die Gründerväter der Apparatus-Theorien, basiert die ideologische Illusionierung im Kino, der „Realitätseffekt“, auf der Unsichtbarkeit des Kino-Apparats in der Rezeption – unterstützt durch eine spezifische Subjektposition, die als Effekt des Codes der filmischen Zentralperspektive herausgestellt wurde. Dieser Subjekteffekt wird zunächst unter Bezug auf die strukturalistische Psychoanalyse Jacques Lacans expliziert, während sich die Konzepte Baudrys und auch Christian Metz‘ in einer zweiten Phase (wieder) an Freud, v.a. seiner Traumtheorie, orientieren. Nach einem initialen Aufsatz von Laura Mulvey wurde im Folgenden die (psychoanalytisch-)feministische Kritik und Weiterentwicklung der Ansätze wesentlich, die die Geschlechtsspezifik der Zuschauerpositionierung und des Blicks betonten.


In jüngerer Zeit haben Autoren wie Friedrich Kittler oder Norbert Bolz Medientechnologien hinsichtlich ihres normativen Charakters für unsere Definitionen von Wirklichkeit und für die Speicherung von als kulturell relevant erachteten Daten untersucht. Bolz begreift Medientechnologien gar als „physiologisches Apriori des Denkens“. Somit wenden sich Apparatus-Theorien von anthropologischen Medientheorien ab, die den Menschen als Subjekt der Mediengeschichte verorten.

Literatur: Rosen, Philip (ed.): Narrative, Apparatus, Ideology. A Film Theory Reader. New York: Columbia University Press 1986. – Lauretis, Teresa de / Heath, Stephen (Hrg.): The Cinematic Apparatus. London: Macmillan 1980. – Riesinger, Robert: Der kinematographische Apparat. Geschichte und Gegenwart einer interdisziplinären Debatte. Münster: Nodus 2003. – Kittler, Friedrich: Grammophon, Film, Typewriter. Berlin: Brinkmann & Bose 1986. – Bolz, Norbert: Theorie der neuen Medien. München: Raben-Vlg. 1990.


Artikel zuletzt geändert am 15.07.2011


Verfasser: HM FD


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