Lexikon der Filmbegriffe

Evergreen

engl., wörtlich: immergrün; evergreen ist ein Scheinanglizismus; im Engl. bezeichnet der Ausdruck „immergrüne Pflanzen“; ein engl. Äquivalent zur dt. Bedeutung existiert nicht; im Dt. finden sich auch: Dauerbrenner, Gassenhauer, Longseller

Es gibt Lieder, die ein Eigenleben entfalten und sich der Kontrolle ihrer Urheber entziehen. Man nennt sie Evergreens, Lieder bezeichnend, die „immergrün“ – also: immer-neu – zu bleiben scheinen. Sie werden trotz ihres Alters in den Medien immer wieder gespielt. Manchmal wird behauptet, Oldies seien etwas Ähnliches wie Evergreens – doch das stimmt nur bedingt, weil jene zeigen, dass sie alt sind; sie rufen biographische Erinnerungen hervor; selbst dann, wenn sie mitgesungen werden können, sind sie deshalb noch keine Evergreens. Näher kommt dem Evergreen das aus der Jazzmusik bekannte Konzept der „Standards“ – Lieder oder Stücke, die zu immer neuen Neueinspielungen einladen und die darum lebendig bleiben. Die Nähe der Evergreens zur Volksmusik ist deutlich. Hier ist es nicht so sehr die musikalische Variation, die ihre Lebendigkeit verbürgt, sondern ihre wiederkehrende Verwendung in Kontexten vor allem des Festes und der Feier. Operettenmelodien, Filmmusiken, Schlager wurden und werden zu Gassenhauern und zu allgemeinem kulturellen Besitz. Die Resistenz derartiger Lieder gegen die historische Veränderung populärer Stile ist erstaunlich.      Erstaunlich viele Evergreens verdanken ihrer Verwendung im Film ihre anhaltende Popularität. Die Schlager aus Die Drei von der Tankstelle kamen z.B. 1930 zum ersten Mal zu Gehör; auch das Hans-Albers-Lied „Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins“ aus dem Film Grosse Freiheit Nr. 7 (1944) ist bis heute populär geblieben. Gelegentlich sind Titellieder und -musiken nicht nur zu Plattenerfolgen geworden, sondern haben ein langes Eigenleben angefangen (ein frühes Beispiel ist „Cheek to Cheek“ aus dem Tanzfilm Top Hat, 1935; erinnert sei aber auch an die Zither-Musik von Anton Karas zu dem Film The Third Man, 1949, oder an den „River-Kwai-Marsch“ aus The Bridge on the River Kwai, 1957). Evergreens dieser Herkunft sind Sonderfälle der Verwertung von Filmmusiken als Musiktitel.

Literatur: Fischer, Hermann: Volkslied, Schlager, Evergreen. Studien über das lebendige Singen aufgrund von Untersuchungen im Kreis Reutlingen. Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde 1965.  Romney, Jonathan / Wootton, Adrian (eds.): Celluloid jukebox. Popular music and the movies since the 50s. London : British Film Institute 1995. – Wulff, Hans J.: Evergreens – Lieder zwischen Kollektivität und Intimität. Anläßlich des Films La Paloma von Sigrid Faltin (Deutschland/Frankreich 2008). In: Lied und populäre Kultur / Song and Popular Culture. Jahrbuch des Deutschen Volksliedarchivs 54, 2009, S. 310-316. Auch in: Kieler Beiträge zur Filmmusikforschung 3, 2009, S. 165-169 (URL: http://www.filmmusik.uni-kiel.de/filme/KB3-LaPalomaarc.pdf).


Artikel zuletzt geändert am 16.10.2012


Verfasser: HJW


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