Lexikon der Filmbegriffe

Moral / Moralisieren im Film

Das Moralische im Film lässt sich auf zwei Ebenen festmachen – einer globalen, den ganzen Text umfassenden, und einer partikularen, einzelne Elemente des Textes betreffenden. Die erste ist die Moral von der Geschichte, die zweite eine Evaluation der Figuren und der Konflikte. Die erste sucht die Geschichte insgesamt in einen moralischen Horizont einzurücken und die moralischen Implikationen zu benennen. Die zweite ist feingliederiger, sie tritt als Teil oder als Ebene der Rezeption auf, ist strikt prozessual zu verstehen und hat meist den Charakter einer heuristischen Bewertung des Handelns von Figuren. Eine erste Schicht der moralischen Kommunikation findet sich im Text selbst – als eine Auseinandersetzung der Akteure um die Akzeptabilität, Nobilitierbarkeit, Begründbarkeit, Entschuldbarkeit, Nachvollziehbarkeit und Einsehbarkeit von Verhalten. Die zweite ist eine evaluierende Aktivität der Zuschauer.
Das Verstehen von Texten umfasst das Moralisieren, das Verständnis moralischer Konflikte, die Evaluation von Handlungen, die Attribuierung und Bewertung von Tugenden. Den Prozessen des Moralisierens korrespondiert eine Dramaturgie des Moralischen – weil der Text jene Prozesse der Rezeption steuert und mit Material versorgt. Das Moralisieren des Zuschauers ist dramaturgisch basiert, fußt also auf dem Wissen um dramatische Konventionen und Regeln.
Moralisieren ist also Teil der Aneignung des Textes durch den Adressaten. Dazu zählt der Nachvollzug oder die Simulation der moralisierenden Tätigkeiten der Akteure. Er richtet sich darüber hinaus auf den Verlauf des Geschehens und auf seine Genre-Qualitäten. Das Moralisieren des Zuschauers dient nicht allein dazu, abgebildetes Verhalten zu beurteilen oder nur zu evaluieren, sondern positioniert ihn im Verhältnis zum dargestellten Geschehen. Der Zuschauer legitimiert und sichert so seine eigene Beziehung zum Geschehen ab. Er ist nicht nur Zensor dessen, was er sieht, sondern auch mit dem eigenen Verhältnis zum Text beschäftigt. Darum sind Grenzfälle interessant – wenn Zuschauer verstört sind oder auch wenn sie Positionen einnehmen, die nur schwer oder gar nicht legitimierbar sind. Zuschauer üben eine Art moralischer Selbstkontrolle aus, die die gesamte Aktualgenese einer Rezeption begleitet.

Literatur: Kupfer, Joseph: Visions of Virtue in Popular Film. Oxford: Westview Press 1999. – Wilson, George M.: Morals for Method. In: Philosophy and Film. Ed. By Cynthia A. Freeland and Thomas E. Wartenberg. New York/London: Routledge 1995, S. 49-67. – Wulff, Hans J.: Moral und Empathie im Kino. Vom Moralisieren als einem Element der Rezeption. In: Kinogefühle. Emotionalität und Film. Hrsg. v. Matthias Brütsch [...]. Marburg: Schüren 2005, S. 377-394.

Referenzen:

Manichäismus

Message Movie


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück