Lexikon der Filmbegriffe

Diegese

Diegese wird oft verkürzt als Bezeichnung der raumzeitlichen Beziehungen der erzählten Welt, als Bezeichnung ihrer modellhaften Einheit, als räumlich-zeitliches Universum der Figuren bzw. Charaktere im Sinne des weicheren Begriffs der „erzählten Welt“ gebraucht. In dieser Bedeutung wurde der Begriff erstmals in der Filmtheorie verbreitet: Souriau kontrastierte die „Diegese“ der repräsentierten Welt von den medialen Mitteln, in denen die Repräsentation erfolgt; für ihn ist diégèse die Menge der vom Film behaupteten Denotationen.
Interessant wird allerdings die Verortung des Erzählers im Verhältnis der von ihm hervorgebrachten diegetischen Wirklichkeit. Die Diskurswelten von Figuren und Erzählern sind ja oft nicht identisch. Die Anwesenheit oder Abwesenheit des Erzählers in der erzählten Welt führt zur Unterscheidung von heterodiegetischen (Erzähler gehört nicht zur erzählten Welt), intradiegetischen (Erzähler ist Teil der erzählten Welt) und autodiegetischen Formen (Erzähler ist zugleich der Protagonist). Davon abgeleitet ist die Redeweise (1) extradiegetische Erzählung als Erzählung von etwas, (2) intradiegetische Erzählung als in die Erzählung selbst eingelagerte Erzählung, als Binnenerzählung in einer Rahmenerzählung, (3) metadiegetische Erzählung als Erzählung einer Figur, die der erzählten Welt einer intradiegetischen Erzählung zugehört, (4) homodiegetische Erzählung als Erzählung eines Erzählers, der als Figur in seiner eigenen Geschichte vorkommt, und (5) heterodiegetische Erzählung als Erzählung, deren Erzähler nicht zu den Figuren der eigenen Geschichte gehört.
Das Diegetische lässt sich auch differenzieren hinsichtlich der Kontextualisierung des narrativen Diskurses. So lassen sich (1) eine extradiegetische (alle Ereignisse, die außerhalb der erzählten Welt lokalisiert sind), (2) eine intradiegetische oder einfach diegetische (alle Ereignisse, die zur erzählten Welt gehören) sowie (3) eine metadiegetische Ebene unterscheiden (zu letzterer gehören alle Aussagen, die diegetische Elemente im Rahmen der Narration selbst lokalisieren). Metadiegetische Elemente können auch der technischen Hervorbringung der Erzählung entstammen (man denke an sichtbare Mikrophone im Bild).
Heute spricht man eher vom Diegetisieren als von der Diegese. Die Diegese ist das Produkt einer synthetischen Leistung, die in der Aneignung des Textes erbracht wird. Sie ist eines der formalen Ziele der Rezeption – den diegetischen Raum der Erzählung zu generieren und zu durchdringen, die inneren Plausibilitäts- und Wahrscheinlichkeitsmaße der erzählten Welt aufzubauen etc. Zum Verstehen der Geschichte ist es unabdingbar, die Kondition der Diegese als Voraussetzung der Narration zu akzeptieren.

Literatur: Verstraten, Paul (1989) Diëgese. In: Versus, 1, S. 59-70. – Montage / AV 16,2, 2007 [Themenheft].
 

Referenzen:

Aurikularisation

Binnenerzählung

Direktadressierung

heterodiegetisch

Rahmenerzählung

Tunneleffekt

vierte Wand


Artikel zuletzt geändert am 20.12.2012


Verfasser: HJW


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