Lexikon der Filmbegriffe

Tableau

von frz. ‚Bild‘, ‚Gemälde‘

(1) Einstellungen des frühen Kinos, die auf einem starren Gegenüber von Handlungsraum und Kamerastandort beruhen und die in der Regel eine ganze Szene zeigen, werden locales oder tableaux genannt.
(2) Edward Kienholz nannte seine Rauminstallationen aus objets trouvés und Versatzstücken der Alltagswelt Tableaus. Sie wurden jeweils vor einer Wand aufgebaut. Anders als Environments sind sie nicht begehbar und können nur von einer Seite, oft sogar nur von einem ausgezeichneten Ort aus besichtigt werden. Mit derartigen Arrangements realer bis surrealer Objekte im Raum, ohne und mit Figuren übte Kienholz manchmal drastische Kritik an der Konsumgesellschaft, an Gewalt und Entfremdung (Five Car Stud, 1969-72). Die Verwandtschaft zu Szenarien, wie sie auch im Film für die Kamera ausgearbeitet werden, ist nicht zu übersehen: gerade Schlüsselszenen zeigen die dingliche Umwelt in tableauartigen Szenarien, die die Zeit einzufrieren scheinen.

Literatur: Kienholz: A retrospective. Selected by Walter Hopps [...]. New York: Whitney Museum of American Art, in ass. with Distributed Art Publishers 1996.

(3) In Diderots Konzeption des drame bourgeois (auch: genre sérieux) spielt das tableau eine entscheidende Rolle: Zur effektvollen Ausgestaltung der Theaterszene forderte er, dass überraschende dramatische Wendungen (coups de théâtre) durch eindringliche Genrebilder (tableaux) ersetzt werden sollten. Es handelte sich dabei um malerische Bilder des bürgerlichen Alltags, die den Bürger-Zuschauer erbauen, bewegen und moralisch zur Tugend erziehen sollten. Der Tableau-Charakter wird durch ein Innehalten der Erzählung, durch ein erkennbares Verweilen in einer dramatischen und sentimentalischen Konstellation, im Festhalten emotionaler Momente ausgestellt. Eine derartige Modulation im Umgang mit der Zeitkomponente der Erzählung findet sich im Melodrama, aber auch in manchen Formen des TV-Spielfilms bis heute.

Literatur: Andersen, Elin: Kroppens sublime tale. Om Tableau og levende billede hos Diderot, Lessing og Lenz. Århus: Klim 2004. – Frantz, Pierre: L’esthétique du tableau dans le théâtre du XVIIIe siècle. Paris: PUF 1998.

Referenzen:

Locus / Loci (pl.)


Artikel zuletzt geändert am 12.10.2012


Verfasser: JH HJW


Zurück