Lexikon der Filmbegriffe

Tableaux vivants I: Formatgeschichte

dt.: lebende Bilder, engl.: living pictures, living paintings

Das Theater-Format der tableaux vivants ist seit dem 17. Jahrhundert nachweisbar. Es ist wohl französischer Herkunft und war sowohl auf der Bühne wie seit dem 19. Jahrhundert auch im halb-öffentlichen Raum als Gesellschaftsspiel sehr erfolgreich – diese nannte man parlor theatricals und betrieben das Einnehmen von lebenden Bildern und das Anlegen entsprechender Kostümierung als Gesellschaftsspiel. Ursprünglich hatten lebende Bilder meist historische Inhalte, seit dem späten 18. und im 19. Jahrhundert kommen Themen klassischer Malerei und Mythologica hinzu. Dabei traten auch allegorische Figuren wie der Krieg, die Armut, die Habsucht oder auch die Pest auf. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es aufwendige Theater-Tableaux, sie bildeten in den großen Städten ein beliebtes Freizeitvergnügen. Das Melodrama des 19. Jahrhunderts griff die dramatische Aussagekraft und das Pathos der stehenden dramatischen Geste mit Begeisterung auf. Vor allem inszenierten aber sogenannte Bio- oder Mimoplastiker Tableaux für Zirkus- und Variety-Shows. Noch heute treten Tableau-Darsteller als Straßenkünstler auf.
Eigenartig ist der Zeiteffekt, den lebende Bilder verursachen: Die Schauspieler versinken in Starre und Versteinerung, sie schließen die Augen oder blicken ins Leere, gehen manchmal in die Posen von Gestorbenen. Die Darsteller werden zu personae der Künstlichkeit und des stillgestellten Lebens, des „Still-Lebens“ oder auch des Sarkophags (von griech. ‚Fleischfresser‘ – der Raum also, wo das Fleisch aufgezehrt ist), zu Statuen eben. Diese Transformation ist durchaus brüchig, oft nur minimale Bewegungen zerstören die Illusion der Entleibung und tragen die Charakteristiken der Kommunikation mit den Betrachtern.

Literatur: Jooss, Birgit: Lebende Bilder. Körperliche Nachahmung von Kunstwerken in der Goethezeit. Berlin: Reimer 1999. – Miller, Norbert: Mutmaßungen über lebende Bilder: Attitüde und ‚tableau vivant‘ als Anschauungsform des 19. Jahrhunderts. In: Von Nachtstücken und anderen erzählten Bildern. München [u.a.]: Hanser 2002, S. 201-220. – Tableaux vivants: lebende Bilder und Attitüden in Fotografie, Film und Video. [Ausstellungskatalog.] Hrsg. v. Sabine Folie und Michael Glasmeier. Wien: Kunsthalle Wien 2002.


Artikel zuletzt geändert am 03.03.2012


Verfasser: JH


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