Lexikon der Filmbegriffe

Zäsur

von lat. caesura = ‚Schnitt‘, ‚Einschnitt‘

(1) Ursprünglich bezeichnet Zäsur in antiker Metrik einen mit einem Wortende verbundenen Einschnitt, an dem Versfuß und Takt gewechselt werden. Dadurch entsteht eine oft unmerkliche Pause, die einen wesentlichen Wechsel formaler oder inhaltlicher Natur markiert. Derartige mikrostrukturelle Zäsuren finden sich auch in der Feinstruktur von Handlungen, als Innehalten vor der eigentlichen Durchführung, als leerer Vorgriff auf die noch kommende Bewegung und ähnliches mehr.
(2) Im übertragenen und verallgemeinerten Sinne ist eine Zäsur ein gedanklicher Einschnitt, ein Bruch in einem eigentlich zusammenhängenden Ganzen wie einem Lebenslauf, einer Entwicklung und ähnlichem, wobei sie gleichermaßen Wechsel und Unterbrechung bedeuten kann. Zäsuren sind zum Teil poetisch bedingt, wenn etwa das Register oder der Rhythmus gewechselt wird, wenn die Darstellungsmittel verändert werden usw. Zum Teil sind Zäsuren aber auch inhaltlich begründet – und selbst wenn die ursprünglich begonnenen Geschichten nach der Zäsur wieder aufgenommen werden, sind sie von dem, was die Unterbrechung verursachte, verändert. Der Verlauf von Geschichten wird meist durch ein historisches Geschehen unterbrochen, das außerhalb der Kontrolle der Handelnden steht – Kriege, Seuchen, Katastrophen, Verschleppungen, Glückswendungen und ähnliches. Derartige Zäsuren sind nicht als Pausen, sondern meist als ganze Szenen ausgeführt. So bildet der erste Weltkrieg in Truffauts Jules et Jim (1961) eine Zäsur in der Beziehung der drei Hauptfiguren – und wird durch den Einsatz einer rasanten, eher musikalisch-rhythmischen Gesichtspunkten verpflichteten Kompilation historischer Aufnahmen, in die Kleinszenen eingebaut sind, die vom Bemühen der Akteure berichten, den Kontakt nicht zu verlieren berichten, zusätzlich noch unterstrichen.


Artikel zuletzt geändert am 12.07.2011


Verfasser: HJW


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