Lexikon der Filmbegriffe

Gestaltwandler II: Narratologie

engl.: shapeshifter

In den Narratologien des Films, die filmische Erzählformen auf den Formenkanon mythischen Erzählens zurückzuführen versuchen (bekannt sind vor allem Joseph Campbell und Christopher Vogler), ist der Gestaltwandler eine Figur, die im Verlauf der Geschichte Charakteristik und manchmal auch Gestalt verändert. Der Freund, der zum Feind wird, der Bedroher, der sich als Beschützer erweist, der Zweifler, der sich zum Gläubigen verkehrt: all dieses sind Gestaltwandler, die die dramatische Funktion erfüllen, Spannung und Unsicherheit in die Geschichte hineinzutragen, die Identität der Akteure zweifelhaft erscheinen zu lassen und die Möglichkeit offenzuhalten, die Konstellationen der Macht plötzlich zu verändern. Ein Genre der Gestaltwandler ist der Spionagefilm (und -roman) - sein eigentliches Thema ist die Unsicherheit der Identitäten, das Verbergen und Maskieren anderer Zugehörigkeiten, seine Höhepunkte sind die oft plötzliche Entlarvung des Doppelagenten und der Erweis, dass die Wirklichkeit ganz anders ist als bislang angenommen.

Literatur: Campbell, Joseph: Der Heros in tausend Gestalten. Frankfurt: Suhrkamp 1993 (Suhrkamp-Taschenbuch. 424.). Zuerst 1949. Dt. zuerst 1953. – Vogler, Christopher: The writer‘s journey. Mythic structure for storytellers and screenwriters. Los Angeles: Michael Wiese 1992. Dt.: Die Odyssee des Drehbuchschreibers. Frankfurt: Zweitausendeins 1997.


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: JH


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