Lexikon der Filmbegriffe

Reisefilm

engl.: travelogue, travel film

Reisefilm ist eine Gattung zwischen subjektivem Erinnerungsfilm, Dokumentarfilm und Reportage. Ein Reisefilm vermittelt Eindrücke, die während oder am Ziel einer Reise gewonnen wurden und dem Zuschauer ermöglichen sollen, das Erlebte mit- bzw. nachzuerleben. Historisch steht der Reisefilm im Rahmen einer fundamentalen Aufklärungsidee, dem Zuschauer sichtbar zu machen, was er nur vom Hörensagen kennt. Der Reisende ist so oft der Agent des Zuschauers, sein Vertreter resp. sein kundiger Führer. Neben zahlreichen Fernsehproduktionen sei an Hans Domnicks Traumstraße der Welt (1958, 1961) über die Strecke von Alaska bis Feuerland.
Die eigene Reise ist heute oft eine Hilfskonstruktion, um Informationen über Land und Leute, Städte und Landschaften, historische, soziale und politische Eigenheiten vorzutragen. Die Reise – oder noch deutlicher: die als Urlaub markierte Reise – dient als subjektive Klammer, eröffnet Möglichkeiten der episodischen Erzählung, gestattet es, Eindrücke auch unvermittelt nebeneinander zu setzen. Gerade die reportageartigen Formen des Reisefilms stellen die Reise in beliebig langen Abschnitten (Kapiteln) wieder, wechseln ihre Schauplätze ohne Übergänge oder verharren an nur einem Ort, diesen als Fluchtpunkt und Zentrum der Reise ausgebend. Insbesondere im Amateurfilm ist der Reisefilm eine angestammte Gattung, als Reisebericht für die Daheimgebliebenen eine kommunikative Begründung des Films selbst liefernd. Dass die episodische Offenheit des Formats ästhetische Potentiale eröffnet, versteht sich von selbst. Erinnert sei aber an Filme wie Robert Kramers Route One USA (1989), der eine Reise über eine Straße von Kanada nach Florida schildert, oder an Ross McElwees Sherman‘s March (1986), der den Spuren der Sherman-Armee im amerikanischen Bürgerkrieg folgt und auf diese Weise ein hochsubjektives, essayartiges Porträt der Südstaaten zusammenträgt.
Der Begriff Reisefilm kann auch fiktive Formen beschreiben – ein Autor suggeriert Eindrücke einer Reise, eines Landes, einer Region, von Baustilen etc. Viele Abenteuerfilme sind so verkappte Reisefilme, und manchmal – wie in Around the World in 80 Days (1956, Michael Anderson, Sr.) – steht die Reise ganz im Zentrum der Erzählung.

Literatur: Canova, Gianni: Abwege und Rückfahrten. Metamorphosen der Reise im Kino der 80er Jahre. In: Blick-Wechsel. Tendenzen im Spielfilm der 70er und 80er Jahre. Hrsg. v. Jürgen E. Müller & Markus Vorauer. Münster: Nodus Publikationen 1993, S. 155-164. – Deeken, Annette: Reisefilme. Ästhetik und Geschichte. Remscheid: Gardez! 2004. – Griffiths, Alison: „To the World the World we Show“: Early travelogues as filmed ethnography. In: Film History 11,3, 1999, S. 282-307. – Karpf, Ernst (Hrsg.): Auf der Suche nach Bildern: Zum Motiv der Reise im Film. Frankfurt:Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik 1991 (Arnoldshainer Filmgespräche. 8.). – Schöning, Jörg (Red.): Triviale Tropen. Exotische Reise- und Abenteuerfilme aus Deutschland 1919-1939. München: Text + Kritik 1997.
 

Referenzen:

Expeditionsfilm

Irrfahrt

Reise im Film

Road-Movie

Urlaubsfilm


Artikel zuletzt geändert am 09.03.2014


Verfasser: HJW


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