Lexikon der Filmbegriffe

Dichterfilm

Sub-Genre des biopic und des Künstlerfilms, das „Leben und Werk“ von Autoren der Literaturgeschichte – für den deutschsprachigen Bereich sehr selten auch von Autorinnen – inszeniert. Dichterfilme stellen die historisch-symbolisch gedoppelte Figur des Künstlers vor und arbeiten sich am Mythos des kreativen bzw. genialen Schreibers ab. Die Dichterfiguren werden dabei häufig mittels biografischer Klischees und Attribute der sozialen, psychischen, sexuellen Devianz (z.B. ‚Wahnsinn‘, Suchtkrankheit, Homosexualität etc.) charakterisiert. Konstitutiv für das Genre sind das Aufrufen des historischen Namens, die Schreib- und die Rezitationsszene. In vielen Fällen vermengt sich der Dichterfilm mit der Literaturverfilmung, nicht zuletzt durch die ‚Rückübertragung‘ der Werke in die Biografie des Autors (besonders deutlich etwa bei ‚Der Prozess‘ in Kafka von Soderbergh, 1992). Dichterfilme (re-)etablieren den literarischen Kanon im Kulturbetrieb und schreiben auf ihre Weise an einer breitenwirksamen, filmischen Literaturgeschichte mit. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewinnt das Schreiben als medial vermittelter Prozess größeren thematischen Stellenwert, während Dichterfilme der ersten Jahrhunderthälfte zumeist die politische und/oder ideologische Funktion des Autors in der Gesellschaft betonen (Theodor Körner, 1912 und 1932; Friedrich Schiller, 1940). Literaturtheoretisch interessant sind Dichterfilme vor dem Hintergrund der diskursiven Autorfunktion (Foucault) und der These vom „Tod des Autors“ (Barthes), die von der wachsenden Popularität des Genres – z.B. mit Shakespeare in Love (1998), Iris (2001) oder The Hours (2002) – gleichermaßen bestätigt und unterlaufen werden. 

Literatur: Krämer, Lucia: Der Dichter als tragischer Held und Ideenträger – Eine Analyse jüngster Oscar Wilde-Darstellungen in Drama und Film. In: Fakten und Fiktionen. Strategien fiktionalbiographischer Dichterdarstellungen in Roman, Drama und Film seit 1970. Hrsg. v. Christian von Zimmermann. Tübingen: Narr 2000, S. 285-300. - Segeberg, Harro: Literatur als Medienereignis: Friedrich Schiller. Der Triumph eines Genies (1940). In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 45, 2001, S. 491-533. – Taylor, Henry M.: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. Marburg: Schüren 2002.


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: SN


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