Lexikon der Filmbegriffe

Doppelgänger: Typologie

Der Motivkreis des Doppelgängers ist in drei verschiedenen Varianten bearbeitet worden. (1) Zum ersten treten Figuren, die verblüffende Ähnlichkeit mit anderen haben, in deren Rollenidentität auf. Das kann in ganz unterschiedlichen Kontexten geschehen. Manchmal bildet politische Intrige den Hintergrund – der Doppelgänger tritt auf, um das Original zu schützen oder die Öffentlichkeit darüber hinwegzutäuschen, dass es nicht mehr am Leben ist (ein Beispiel ist Dave, 1993, in dem ein Doppelgänger die Rolle des amerikanischen Präsidenten über eine Krise hinweg weiterspielt). Die meisten der Geschichten dieses Typus sind komödiantischer Art; so wird in Il Marchese de Grillo (1981) die Ähnlichkeit des Marquis und eines Kohlenhändlers Anlass für eine ganze Reihe lächerlichster Verwechslungen. Es gibt aber natürlich eine ganze Reihe fast tragisch anmutender Konstellationen. So ist das Motiv des falschen Verdachts wie in Hitchcocks The Wrong Man (1957) oft mit der Verwechslung von ähnlichen Personen kombiniert. (2) Der Wiedergänger ist gelegentlich die Wiederkehr einer verloren geglaubten geliebten Person. Hier erscheint der Doppelgänger dem eigentlichen Helden wie die Wiedererscheinung einer Figur, die ihm einmal sehr nahe stand. Ein Beispiel ist Tarkowskis Solaris (1972), in dem ein Raumfahrer über einem Planeten, der Gedanken materialisieren kann, seiner verstorbenen Frau wiederbegegnet und seiner unverarbeiteten Trauer um sie neu gegenübergestellt wird. (3) Schließlich dienen Alter-Ego-Doppelgänger dazu, innere Zustände wie auch individuelle Vorstellungen von Personen zu beleuchten. Hier ist die Begegnung mit dem Doppelgänger die Begegnung mit einem anderen Ich, mit verdrängten oder verschütteten Charakterzügen der ersten Person. Geschichten dieses Typs sind aus der Perspektive einer ersten Person erzählt, die der zweiten begegnet. Diese nun spiegelt Ahnungen, Wünsche, Halluzinationen und Traumata. Sie vergegenwärtigt innerseelische Vorgänge, signalisiert Ich-Spaltungen und selbstzerstörerische Tendenzen. Es ist meist Aufgabe der ersten Person, Kontrolle über die zweite zu erlangen und dadurch in eine Normalität der Person zurückzukehren. Ein älteres Beispiel ist The Three Faces of Eve (1957), in dem eine junge Frau in zwei Identitäten gleichzeitig auftritt, um sich am Ende zu einer – gesunden – dritten Figur zu verwandeln. 

Literatur: Crook, Eugene J. (ed.): Fearful symmetries: Doubles and doubling in literature and film. Gainesville: University Presses of Florida 1982. – Schlüpmann, Heide (1984) Je suis la solitude. Zum Doppelgängermotiv in Der Student von Prag. In: Frauen und Film 36, S. 10-24.
 

Referenzen:

Zwillinge


Artikel zuletzt geändert am 03.08.2011


Verfasser: HJW


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