Lexikon der Filmbegriffe

hagiographischer Film

Von griech hágios ‚ehrwürdig, geweiht, heilig‘ + graphein ‚schreiben‘: meint eigentl. die aus den spätantiken Märtyrerakten entstandene, der Legende nahestehende ‚Geschichtsschreibung über das Leben und Wirken der Heiligen‘, wobei an die Stelle jener nicht-fiktiven Heiligen und Helden aus der Geschichte von Religiosität und Spiritualität (z.B. Jesus, Franz von Assisi, Martin Luther, Juana Inés de la Cruz, Maria Goretti) beim Spiel- oder Dokumentarfilm wahlweise nicht-fiktive Politiker (z.B. Hitler, Stalin, Lumumba, die Kennedys, Ghandi), Filmstars und -macher (z.B. der Martial Arts-Meister Bruce Lee, der Regisseur Ed Wood, der Porno-Verleger Larry Flynt), ‚Popikonen‘ (z.B. Jerry Lee Lewis, Jimmy Hendrix, Eminem), Künstler (z.B. Caravaggio, Mozart), Wissenschaftler (z.B. Galileo), Sportler (z.B. Muhammed Ali) oder gar Outlaws und Gangster (z.B. Schinderhannes, Jesse James) gesetzt werden dürfen.

Filmische Hagiographie will wie ihr populäres, oft propagandistisches journalistisches Gegenstück das Leben einer bedeutenden bzw. für bedeutend gehaltenen Person auf eine erbauliche und gleichzeitig behutsam belehrende, verklärende oder gar mythologisierende, nie aber wissenschaftlich-anstrengende Weise präsentieren, um so den Zuschauer emotionalen Anteil nehmen zu lassen an den herausragenden Fähigkeiten, exorbitanten Leistungen, aber auch an der (möglicherweise nur unterschwellig als solche wahrgenommenen) Leidensgeschichte des abgeschilderten Menschen. Dass bei einem solchen Vorhaben manche Unstimmigkeit in einer Biographie ebenso geglättet wird und möglicherweise vorhandene charakterliche Schwächen ‚humanisiert‘, somit vor allen Dingen nachsehbar und ‚verzeihbar‘ gemacht werden, wird das Publikum hinnehmen, wenn es dem Film gelingt, sein rhetorisches Überzeugungsprogramm zu entwickeln. Hagiographisch – ein im Übrigen häufig gebrauchter, selten aber definierter Begriff der Filmkritik – ist an einem solchen Vorgehen vor allem der Versuch zu nennen, der dargestellten Person eine Vergangenheit zu fabrizieren, die ihre zu preisenden guten Eigenschaften (‚Tugenden‘) und Taten bei allen an sie herangetragenen Anfeindungen, Zumutungen und Prüfungen letztlich umso makelloser erscheinen lassen. Häufig etabliert sich um derart ins Licht gerückte Menschen ein regelrechter Kult.
Die Filmgeschichte bietet allerdings auch Beispiele für regelrechte filmische Anti-Hagiographien, die ihre Gegenstände auf subversive Weise regelrecht demontieren und dabei das Verfahren der Hagiographisierung als potentiell irreführend entlarven; man denke etwa an so verschiedene Versuche wie Robert Altmanns Buffalo Bill and the Indians (USA 1976), Monty Pythons Life of Brian (Großbritannien 1979) oder Derek Jarmans Caravaggio (Großbritannien 1986).

Literatur: Bazin, André: Cinema and theology: the case of „Heaven Over the Marshes“. In: Journal of Religion and Film 6,2 (2002) [frz. Orig. in Cahiers du Cinéma 2 (1951)] http://www.unomaha.edu/jrf/heaven.htm. – Bickelhaupt, Thomas / Buschmann, Gerd: Moderne Heilige und Märtyrerin in der Postmoderne: Lady Diana – Klassische Bildkonvention, religiöse Symbolik und Opfermythen im Dienst der Popkultur. In: Medien praktisch 2, 1999, S. 43-48. – Emmens, Carol A.: Famous people on film. Metuchen, NY: Scarecrow Press 1977. – Graff, Michael: Helden, Heilige, Halunken. Priester im Film – ein Überblick. In: Film-Dienst 11 (1995), S. 4-10. – Kinnard, Roy / Davis, Tim: Divine images: a history of Jesus on the screen. New York, NY: Carol Publishing Group 1992.

Referenzen:

biopic

Doku-Porträt

Hagiopic

Heiligenlegende


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: LK


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