Lexikon der Filmbegriffe

Kanon

von griech. kanon = Richtschnur, Maßstab

Ein Kanon ist die als allgemeingültig und dauerhaft verbindlich gedachte Auswahl vorbildlicher Werke der Literatur, der Musik, der Bildenden Kunst und des Films bzw. eine Auswahl von Autoren und Regisseuren, die als mustergültig angesehen werden. Lange war die Festschreibung eines Kanons normativ fundiert, Teil der Ausübung der kulturellen Deutungsmacht der bürgerlichen Bildungsschichten. Heute wird der filmische Kanon als das Ergebnis eines Deutungs- und Selektionsprozesses begriffen, der nach komplizierten Selektionskriterien funktioniert. Dies können filminterne (ästhetische Programme, Gattungstraditionen und die Freiheit oder Unfreiheit von diesen Programmen oder Traditionen) wie -externe Gesichtspunkte sein (Strategien des Marketing, tatsächlicher Erfolg eines Films, Massenwirksamkeit, politische Bedeutung u.a.m.). Neben den eigentlichen Kanon treten oft „Gegen-Kanons“ (die vielfach polemisch begründet sind – wie wenn z.B. das Hollywood-Genre-Kino oder sogar das Trash-Kino gegen den künstlerisch anspruchsvollen Film gesetzt wird). Die Auseinandersetzung um Kanonisierung ist so Schauplatz von Fragen des Geschmacks, der politischen Orientierung und der Macht.
Es sind Institutionen und Personen, die zur Kanonbildung des Films beitragen, ebenso wie Praktiken der sozialen Behandlung filmgeschichtlicher Werke. Faktoren, die die Kanonisierung beeinflussen, sind Kritiker und Medienwissenschaftler, die kanonbezogene Produktion einschließlich des (Wieder-)Aufführungsangebots der Medien (vor allem des Fernsehens), Preisverleihungen, Curriculumskommissionen. Ablesen kann man den tatsächlich geltenden Kanon an Lehrplänen, Seminarangeboten, Publikationen, Ausstellungen, Hommagen, Wiederaufführungen und Retrospektiven.

Literatur: Heller, Heinz-B.: Kanonbildung und Filmgeschichtsschreibung. In: Filmgeschichte schreiben. Ansätze, Entwürfe und Methoden. Hrsg. v. Knut Hickethier. Berlin: Ed. Sigma 1989, S. 125-133 (Sigma Medienwissenschaft. 2.) / (Schriften der Gesellschaft für Film- und Fernsehwissenschaft. 2.). – Renate von Heydebrand (Hrsg.): Kanon – Macht – Kultur: theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildungen. Stuttgart/Weimar: Metzler 1998 (Germanistische Symposien. Berichtsbände. 19.).

Referenzen:

Sampling

test of time

Schlüsselfilm

Rekanonisierung


Artikel zuletzt geändert am 07.02.2012


Verfasser: HJW


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