Lexikon der Filmbegriffe

Retardation

auch: retardierendes Moment; gelegentlich: Aufschub; engl.: retardation; auch: delay structures

(1) Der Begriff der Retardation stammt aus der Dramentheorie und Dramaturgie und bezeichnet allgemein die Unterbrechung eines Handlungsverlaufs durch Ereignisse, die dazu führen, dass zeitweilig das Handlungsziel abgeändert oder gar umgekehrt wird. Oft kehrt das Geschehen sich in einer tragischen Handlung scheinbar zum Guten, Hoffnung auf den doch noch guten Ausgang stellt sich ein, eine trügerische Ruhe suggeriert ein frühes Ende, um umso drastischer in die schlimme Wendung am Schluss zu kippen. Entsprechend dienen Retardationen in der Komödie dazu, die Befürchtung, dass das Ganze letztlich doch nicht gut ausgehen könnte, zu unterfüttern. In beiden Fällen ist das Ende vorgezeichnet, es wird aber verzögert, durch ein scheinbares anderes Ende unterlaufen. Dabei dient die Retardation nur der Spannungssteigerung und der affektiven Intensivierung der tatsächlichen Wendung am Schluss.
(2) Retardationen im Sinne von Verzögerungen einer Geschehensentwicklung dienen der Verschleppung des Endes. Häufig schüren sie die Hoffnung, dass ein befürchtetes Ende ausbleibt, und gehören zu den Strategien der Spannungserzeugung. Wenn der Killer-Bernhardiner in Cujo (1982) Mutter und Sohn im Haus eingeschlossen hat, wenn er begonnen hat, die Türen zu zerstören, scheint das schreckliche Ende der Bedrohten unausweichlich; der Vater versucht in rasender Fahrt, das einsame Haus zu erreichen (er bildet das retardierende Moment, genauer: die Möglichkeit, dass er den Hund unter Kontrolle bringen kann, wenn er rechtzeitig eintrifft).

Literatur: Tan, Ed: Interest when nothing happens. A note on narrative retardation. In: Nieuwe Doelen. Vijf voorbeelden van film- en televisiewetenschap. Amsterdam: Universiteit van Amsterdam, Vakgroep Film- en Televisiewetenschap 1991, S. 61-70.

Referenzen:

Antiklimax

beat

Bremsung

Digression

dramatic pause

Katastasis

protraction


Artikel zuletzt geändert am 13.10.2012


Verfasser: HJW


Zurück